Samstag, 24. Januar 2009

Typisch...von Spaniern, Griechen und Rumänen

Mein Mitbewohner ist Spanier. Er heißt Raul Sanchez. In Deutschland heißen Raul Sanchez’s Peter Schmitt oder Michael Müller. Ich kenne nur wenige Spanier und habe während meines geisteswissenschaftlichen Studiums interkulturelle Kompetenzen erworben. Das steht auf meinem Zeugnis und heißt: Ich darf nicht in Stereotypen denken.

Raul und ich haben schon mehrfach Unterhaltungen über die Partytauglichkeit von Spaniern und Deutschen geführt. Ebenso über den deutschen Ordnungsfimmel und die spanische Droge Siesta. Wir kamen zu dem Schluss, dass weder er typisch spanisch ist, noch ich typisch deutsch bin.

Rumänen sind anders typisch als Spanier oder Deutsche. Sie sind zunächst distanziert, aber sehr hilfsbereit und lustig, wenn das Eis einmal gebrochen ist. Trifft man auf Rumänen, die als Verkäufer arbeiten, sieht man sich mit der nicht typisch rumänischen, sondern einer allenfalls typisch noch aus kommunistischen Zeiten stammenden Umgangsweise mit Kunden konfrontiert. Der Kunde – vor allem in den kleinen Lebensmittelgeschäften - ist abhängig von der Laune der Verkäuferin oder des Verkäufers. Was bedeutet, die VerkäuferInnen haben immer einen schlechten Tag, lächeln nie und murmeln beim Kassieren die Summe so, dass man sie nicht versteht. Wie ein geprügelter Hund, schleicht sich der Kunde aus dem Laden und besinnt sich dann wieder, doch nichts Falsches getan zu haben. Besonders landsfremde Kunden sind sehr anfällig für das Verhalten.

Ansonsten sind Rumänen sehr gelassen. Bei mir in der Redaktion beginnt der Arbeitstag um 11 Uhr. In der Zeit von 12 bis 14 Uhr ist das Studio, in dem unsere Sendung aufgezeichnet wird, für uns reserviert. Das bedeutet, wir lassen es langsam angehen und hechten dann um viertel vor zwei runter, um den Rest der Sendung einzusprechen, die um 14 beginnt. Der Redaktionsleiter findet diese Arbeitsweise gut. Dann ist es nicht so langweilig.

Man sagt, Rumänen trinken auch ganz gern. Das sagt man über alle Osteuropäer, egal ob sie aus der Mitte, dem Süden, Norden oder Osten Osteuropas kommen. Tuica (sprich: Zuika) heißt der hiesige Volksschnaps aus Pflaumen, dessen Verzehr bei jedem Essen obligatorisch ist und in einigen Restaurants auf Kosten des Hauses bereits vor dem ersten Gang gereicht wird. Vermutlich, weil er den Magen öffnet, so wie französischer Käse.

Gestern ging ich mit meinem spanischen Mitbewohner auf eine spanische Party in einem spanischen Club, wo wir dann zu den spanischen Hits der letzten 50 Jahre mit seinen spanischen Freunden tanzten. Ich glaube tatsächlich, dass Spanier partytauglicher sind als Deutsche. Und weil es die Welt so schön einfach macht, argumentieren wir in letzter Zeit hauptsächlich mit Stereotypen. Als mich um halb eins meine Kräfte verlassen, entschuldige ich das ohne ersichtlichen Kausalzusammenhang mit meiner „Germanness“. Daraufhin Raul: „ Oh common, I have a friend from Germany and he likes to party a lot.” Verdammt! Ich tausche Bier gegen Cola, um wach zu werden und unterhalte mich mit Alberto, einem Freund von Raul…aus Spanien.

Alberto absolviert gerade sein Probejahr bei der spanischen Botschaft in Bukarest. Seit er seinen Verstand klar einsetzen kann, sagt er, wollte er Diplomat werden. Einmal um die Welt in einem Leben. Er war Erasmusstudent in Griechenland. Mir fällt auf, dass ich noch nie gehört habe, wie typisch die Griechen sind. Alberto erzählt, dass man über Spanier in Griechenland sagt, sie seien faul und würden ständig Siesta halten. Dann erzählt er, dass eine Vorlesung an seiner Austauschuniversität meistens zwei Stunden später anfing, als sie eigentlich hätte beginnen sollen. Die Professoren entschuldigten sich dann damit, dass sie verschlafen hätten…

Auf der Party gestern hat mich ein anderer von Rauls spanischen Freunden, namens Eduardo, zu seiner Abschiedsparty heute eingeladen. Er versprach mir, dass nicht nur Spanier da sein würden, sondern auch Rumänen und vier Leute aus Österreich. Er habe gehört, dass man in Deutschland den österreichischen Akzent lustig findet. Ich gebe ihm recht.

Raul meinte, wir könnten vor Eduardos Party noch zu einem anderen Freund gehen. „Ok, wann?“ frage ich. – „So gegen acht Uhr dreißig“, sagt Raul. –„Also um zehn“, entgegne ich. „Nein, da müssen wir schon bei Eduardos Party sein…“ Es ist 21 Uhr 30 und wir sind noch immer zu Hause…Typisch!

Blech, überall Blech

In Bukarest, so scheint’s mir, folgt der Verkehr seiner eigenen Logik. Es gibt hier gefühlte zwei Milliarden Tonnen Blech auf vier Rädern in unterschiedlichen Formen und Farben. Und während man in Berlin keine benzinbetriebenen Schmutzfinken mit einem überhöhten Schadstoffausstoß mehr in die Innenstadt lässt, stehen in der rumänischen Hauptstadt die Abgase in der Luft.

Wer in Bukarest als Fußgänger zu Stoßzeiten die Hauptstraßen überqueren will, braucht entweder Mut oder eine gehörige Portion Dickfelligkeit und das nötige Vertrauen in seine Mitmenschen hinterm Steuer: Einfach gerade aus schauen und gehen. Die halten schon an. ABER: Grün heißt nicht zwangsläufig gehen. Im Zweifelsfall hat das Blech den Vorrang.

Ich frage mich, ob man das simple Straßenüberqueren zu einer Art sportlicher Disziplin erheben könnte. Geeignet wäre es auch für Flashmobs: 200 Tausend Menschen stolzieren über den Bulevardul Unirii, als führten sie nichts im Schilde und legen den gesamten Verkehr lahm. Dabei hielten sie Schilder hoch, mit der Aufschrift: “Für ein grünes Bukarest“. Der Aufstand der Gehenden… Vermutlich würde man sie alle in Gewahrsam nehmen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Bereits als man mich vom Flughafen zur Wohnung fährt, erscheint mir der Verkehr auffällig. Stop and Go, eine Fortkommen um 20 Meter am Stück ist ein Erfolgserlebnis. Wir befinden uns keine 5 Minuten auf der Straße als die Sirene einer Ambulanta lautstark ertönt. Es dauert zehn Minuten bis sie sich den Weg durch die Blechmassen geebnet hat. Da muss der, der sie gerufen hat, wohl sterben. Es ist nicht mal so, dass die Leute keinen Platz machen wollen, sie können es nicht. In Bezug auf die Zahl an fahrenden Autos in Rumäniens Hauptstadt könnte man tatsächlich von einer Überbevölkerung sprechen.

Der Ampelbetrieb wird überflüssig, weil so viele Autos vorhanden sind, dass rote Ampeln ignoriert werden müssen, um den Verkehr nicht völlig lahmzulegen. Deswegen stehen an den großen und kleineren Kreuzungen Polizisten in neon-gelber Jacke und pfeifen die Autos durch, als gelte es ein Wettrennen zu gewinnen.

Sind die Autos dann einmal zum Stillstand gekommen und in eine Parkposition gebracht, muss man als Fußgänger eine Art Parkurlauf bestreiten. Die Autos parken auf Gehwegen mit einem halben Meter Platz zur Häuserwand. Passt das Auto nicht in die vorgesehene Parklücke, so wird’s eben passend gemacht. Dann steht es quer vor den anderen. Was nun, wenn der Zugeparkte gern wegfahren möchte? Nun ja, da wird dann die Flucht nach vorn angetreten, über den Bürgersteig bis zur nächsten Absenke und mit etwas Glück kommt für zwei Sekunden kein Verkehr, so dass man auf die Straße fahren kann.

Bemerkenswert ist jedoch, dass ich hier noch keinen Unfall erlebt habe. Bukarester Autofahrer fluchen auch nicht. Sie steigen zwar an einer roten Ampel ruhig und gelassen aus, um im Kofferraum zu schauen ob noch alles da ist, oder die Scheibenwischer zu richten. Aber sie gehen nicht mit hoch roten Kopf aufeinander los und drohen dem Schleicher da vorne mit Prügel. Ihre Art der Stressbewältigung ist es, zu hupen. Krach machen, was das Zeug hält. Sobald ein Auto zum Stehen kommt, egal ob bei rot oder grün –wie gesagt, die Ampeln spielen nicht wirklich eine Rolle –beginnt ein kakophonisches Konzert, das eine echte Herausforderung für das Trommelfell darstellt.

Man kann aber beim besten Willen nicht sagen, dass die Bukarester kein Auto fahren können. Dem ist wahrlich nicht so. Geschmeidig und findig umfahren sie jedes Hindernis, während die Nähe zu demselben mir nur ein leise Zischen entlockt, was bedeutet, dass ich mich schon mal auf den Schmerz einstellen, den das Blech oder seine Insassen verspüren würden, sofern sich denn Hindernis und Auto unerwünscht näher kämen.

Fahrradwege gibt’s hier tatsächlich auch. Allerdings scheinen diese nur der Vollständigkeit halber in den Bukarester Verkehrsplan mit aufgenommen worden zu sein. Tatsächlich habe ich hier noch nie jemanden mit einem Fahrrad gesehen. Vermutlich wäre er auch schnell tot, weil er keine Hupe hat. So bleibt am Ende nur die Alternative der öffentlichen Verkehrsmittel. Hier übrigens, hält man zuweilen noch immer an einem Relikt aus alten Zeiten fest, welches am anderen Ende der europäischen Union bereits als vielversprechendes, emissionsarmes und folglich grünes Verkehrsmittel der Zukunft gefeiert wurde: Der Elektrobus.