Mein Mitbewohner ist Spanier. Er heißt Raul Sanchez. In Deutschland heißen Raul Sanchez’s Peter Schmitt oder Michael Müller. Ich kenne nur wenige Spanier und habe während meines geisteswissenschaftlichen Studiums interkulturelle Kompetenzen erworben. Das steht auf meinem Zeugnis und heißt: Ich darf nicht in Stereotypen denken.
Raul und ich haben schon mehrfach Unterhaltungen über die Partytauglichkeit von Spaniern und Deutschen geführt. Ebenso über den deutschen Ordnungsfimmel und die spanische Droge Siesta. Wir kamen zu dem Schluss, dass weder er typisch spanisch ist, noch ich typisch deutsch bin.
Rumänen sind anders typisch als Spanier oder Deutsche. Sie sind zunächst distanziert, aber sehr hilfsbereit und lustig, wenn das Eis einmal gebrochen ist. Trifft man auf Rumänen, die als Verkäufer arbeiten, sieht man sich mit der nicht typisch rumänischen, sondern einer allenfalls typisch noch aus kommunistischen Zeiten stammenden Umgangsweise mit Kunden konfrontiert. Der Kunde – vor allem in den kleinen Lebensmittelgeschäften - ist abhängig von der Laune der Verkäuferin oder des Verkäufers. Was bedeutet, die VerkäuferInnen haben immer einen schlechten Tag, lächeln nie und murmeln beim Kassieren die Summe so, dass man sie nicht versteht. Wie ein geprügelter Hund, schleicht sich der Kunde aus dem Laden und besinnt sich dann wieder, doch nichts Falsches getan zu haben. Besonders landsfremde Kunden sind sehr anfällig für das Verhalten.
Ansonsten sind Rumänen sehr gelassen. Bei mir in der Redaktion beginnt der Arbeitstag um 11 Uhr. In der Zeit von 12 bis 14 Uhr ist das Studio, in dem unsere Sendung aufgezeichnet wird, für uns reserviert. Das bedeutet, wir lassen es langsam angehen und hechten dann um viertel vor zwei runter, um den Rest der Sendung einzusprechen, die um 14 beginnt. Der Redaktionsleiter findet diese Arbeitsweise gut. Dann ist es nicht so langweilig.
Man sagt, Rumänen trinken auch ganz gern. Das sagt man über alle Osteuropäer, egal ob sie aus der Mitte, dem Süden, Norden oder Osten Osteuropas kommen. Tuica (sprich: Zuika) heißt der hiesige Volksschnaps aus Pflaumen, dessen Verzehr bei jedem Essen obligatorisch ist und in einigen Restaurants auf Kosten des Hauses bereits vor dem ersten Gang gereicht wird. Vermutlich, weil er den Magen öffnet, so wie französischer Käse.
Gestern ging ich mit meinem spanischen Mitbewohner auf eine spanische Party in einem spanischen Club, wo wir dann zu den spanischen Hits der letzten 50 Jahre mit seinen spanischen Freunden tanzten. Ich glaube tatsächlich, dass Spanier partytauglicher sind als Deutsche. Und weil es die Welt so schön einfach macht, argumentieren wir in letzter Zeit hauptsächlich mit Stereotypen. Als mich um halb eins meine Kräfte verlassen, entschuldige ich das ohne ersichtlichen Kausalzusammenhang mit meiner „Germanness“. Daraufhin Raul: „ Oh common, I have a friend from Germany and he likes to party a lot.” Verdammt! Ich tausche Bier gegen Cola, um wach zu werden und unterhalte mich mit Alberto, einem Freund von Raul…aus Spanien.
Alberto absolviert gerade sein Probejahr bei der spanischen Botschaft in Bukarest. Seit er seinen Verstand klar einsetzen kann, sagt er, wollte er Diplomat werden. Einmal um die Welt in einem Leben. Er war Erasmusstudent in Griechenland. Mir fällt auf, dass ich noch nie gehört habe, wie typisch die Griechen sind. Alberto erzählt, dass man über Spanier in Griechenland sagt, sie seien faul und würden ständig Siesta halten. Dann erzählt er, dass eine Vorlesung an seiner Austauschuniversität meistens zwei Stunden später anfing, als sie eigentlich hätte beginnen sollen. Die Professoren entschuldigten sich dann damit, dass sie verschlafen hätten…
Auf der Party gestern hat mich ein anderer von Rauls spanischen Freunden, namens Eduardo, zu seiner Abschiedsparty heute eingeladen. Er versprach mir, dass nicht nur Spanier da sein würden, sondern auch Rumänen und vier Leute aus Österreich. Er habe gehört, dass man in Deutschland den österreichischen Akzent lustig findet. Ich gebe ihm recht.
Raul meinte, wir könnten vor Eduardos Party noch zu einem anderen Freund gehen. „Ok, wann?“ frage ich. – „So gegen acht Uhr dreißig“, sagt Raul. –„Also um zehn“, entgegne ich. „Nein, da müssen wir schon bei Eduardos Party sein…“ Es ist 21 Uhr 30 und wir sind noch immer zu Hause…Typisch!
