Dienstag, 14. April 2009

So tun als ob

Manchmal, wenn ich über Rumänien so nachdenke und versuche, mir das Land in einer möglichst kurzen Formel begreiflich zu machen, trifft es keine Phrase so gut wie diese: It’s all about pretending. Schein und Sein liegen in Rumänien oftmals weiter aus einander, als der erste Blick vermuten lässt. Damit meine ich nicht nur die zahlenmäßig hohe Präsenz von teuren Schlitten im Bukarester Verkehr. Kaum jemand fährt hier einen popligen Lada. Da wird lieber ein teurer Kredit aufgenommen, um sich einen schnittigen Mittelklassewagen zu kaufen.

Nein, der Teufel des Scheins steckt auch in anderen Details. Zum Beispiel in der kindersicheren Steckdose in einem Hostel in Iasi, die fast aus der Wand fällt oder in den „Rauchen verboten“-Schildern, die dort an jeder Wand hängen und unter denen ein blecherner Aschenbecher steht. Oder aber die Selbstreinigungsapparate in Restauranttoiletten, deren Reinigungsmittel stets verbraucht ist und selten bis nie nachgefüllt wird. Einer meiner größten Favoriten bleibt aber noch immer das gläserne Bürogebäude zwischen Piata Universitatii und Piata Unirii, im Stadtzentrum. Die Front ist reich bestückt mit gigantomanischen digitalen Werbetafeln, die alle zehn Sekunden ihr Motiv ändern, während der Rückseite des Gebäudes selbst noch die Fassade fehlt.

Vor ein paar Wochen war ich mit meinem Mitbewohner und einem anderen Freund namens Marcel, einem Korrespondenten einer spanischen Presseagentur, in einem Lokal essen. „Es wird dir gefallen“, hat Marcel versprochen, „weil es typisch rumänisch ist.“ Wir fahren ans andere Ende der Stadt, außerhalb des Zentrums. Touristen dürften sich hier hin nur schwer verlaufen. Das Restaurant trägt den Namen eines der beiden großen Bukarester Fussball-Clubs „Rapid“, weil es neben dem Stadion liegt. Die Gegend hier besteht hauptsächlich aus kastenförmigen Wohnblöcken der Ceaucescu-Ära und hat mit den dekadenten Gebäuden der Innenstadt nur wenig gemein. Das Lokal liegt im dritten Stock eines Multifunktionsgebäude: Parterre Blumenladen, zweiter Stock Bekleidungsgeschäft, dritter Stock Restaurant. Es ist Sonntagabend, acht Uhr. Außer uns befinden sich hier noch zwei weitere Gäste. Die Einrichtung ist rustikal: Holztäfelung an den Wänden, hier und da ein bisschen volkstümlicher Wandschmuck und im Blickfeld aller Tische ein überdimensionierter Flachbildfernseher. Ich kann mich den gesamten Abend lang auf kein Gespräch mit meinen Begleitern konzentrieren, weil ich ständig auf die 100 mal 500 Meter Bildfläche schauen muss, auch wenn mich das Geflimmer überhaupt nicht interessiert. Wenig später gesellen sich zu uns und den anderen beiden Gästen vier starke Jungs, die offenbar zu den hiesigen Stammgästen gehören. Ich hatte nach einem kurzen Augenblick der Beobachtung den Eindruck, sie würden nur des Fernsehers wegen gerade im „Rapid“ ihr Bier trinken und nirgendwo anders.

Die Bedienung ist zuvorkommend, reicht uns freundlich die Speisekarte und räumt die vorgedeckten Teller und Weingläser ab, um unseren Biergläsern und Tellern mit Salmale (Krautwickel) und Tochitura (sowas wie Gulasch) Platz zu schaffen. Das Essen ist traditionell rumänisch und tatsächlich sehr köstlich. Als wir fertig sind, spurtet ein Kellner heran, um mit einem kleinen, schrecklich lauten Handstaubsauger die Brotkrümel von der Tischdecke zu entfernen. Ich bin leicht irritiert, weil ich noch immer auf den großen Fernseher starre. Als ich auf den Tisch schaue, sind die Krümel zwar weg, doch offenbaren sich jetzt ein paar kleine Löcher in der Tischdecke. Vermutlich hab ich sie vorher nicht bemerkt, weil die unbenutzten Weingläser darauf standen.

Marcel ist bekennender Rumänien-Fan und geriet vor allem bei dem Gedanken an die Live-Band des „Rapid“ in Verzückung. Diese kommt in Viererbesetzung mit etwa einer Stunde Verspätung an: Der dickere halbglatzige Akkordeonspieler macht nicht den Eindruck, als sei er sonderlich erfreut über seine Tätigkeit. Er setzt sich routiniert gelangweilt auf einen der alten Holzstühle, nippt an seinem Bier und stimmt sein Instrument mit schläfrigem Blick. Der Rest der Band sitzt hinter ihm, die Köpfe unbeteiligt in den Händen haltend, so als hätten sie beim besten Willen etwas besseres zu tun, als in diesem Möchtegern Dreisterne-Restaurant alte rumänische Schlager zum Besten zu bringen. Vermutlich bereuen sie es, dass sie mit dem Rücken zum Fernseher sitzen. Ich bin in diesem Augenblick geringfügig reizüberflutet, weil ich mir nicht sicher bin, welche der beiden Unterhaltungsformen größere Aufmerksamkeit verlangt: der LCD-Superriesenplasmabildschirm oder die hochamüsante Spaßkapelle.

Da wir uns für kein Entertainment entscheiden können, beschließen wir den Heimweg anzutreten. Im zweiten Stock steht ein Schuhputzapparat, riesengroß, mit Pflegecreme für braunes und schwarzes Leder. Als ich ihn spaßeshalber benutzen will, stelle ich fest, dass er kaputt ist. Und das vermutlich schon länger...

Montag, 6. April 2009

Breaking News

Ich habe einen Fernseher zu Hause. Aber ich kann nicht fernsehen, weil ich die Kanäle entweder in zu schlechter Bild- oder zu schlechter Tonqualität oder eben gar nicht empfange. Ist auch egal, Hauptsache, er steht erstmal da.

Im Radio gibt es Gott sei Dank noch eine andere Flimmerkiste. Wir schalten Sie nur selten ein. Aber immerhin steht sie erstmal da. Heute war einer der seltenen Tage, an dem der Fernseher in der Redaktion tatsächlich lief. Antena 3, ein Nachrichtensender mit sogenannten Breaking News! Seit ungefähr fünf Stunden wird auf diesem Programm über den Prozess gegen Gigi Becali, einer der interessantesten, weil kontroversesten Persönlichkeiten des postkommunistischen Rumäniens berichtet.
Becali heisst eigentlich George mit Vornamen. Aber er wird on allen nur Gigi genannt, ist wohl medienwirksamer. Er hat viel Geld, weniger Moral und von demokratischen Grundwerten keine Ahnung, so scheint es. Seine Familie war schon zu Zeiten des Kommunismus überdurchschnittlich wohlhabend, nach der Revolution ergriff ihn der Opportunismus und er scheffelte Geld, wo er nur konnte. Mittlerweile gehört ihm einer der größten rumänischen Fußballclubs – Steaua Bucuresti – und er verfügt über allerlei Kontakte in die Unterwelt. Geld allein reicht selten. Was danach kommt, ist die Machtergreifung. Das muss er sich wohl gedacht haben, als er mit seiner populistischen rechtsgerichteten Partei “Die Neue Generation” für das Präsidentenamt kandidierte – erfolglos, zum Glück der rumänischen Demokratie.
Jüngst haben ihm böse Buben sein Auto geklaut. Gigi hat seine Kontakte zur dunklen Seite der Macht spielen lassen, die Diebe ausfindig gemacht und sich seinen Luxus-BMW zurück geholt. Weil er die Langfinger ein bisschen zu lange in Gewahrsam genommen hatte, wurde er unter dem Verdacht der Freiheitsberaubung festgenommen. Richtig so, mag man denken. Wäre da nicht der Umstand, dass er erst jetzt, nachdem er sich vor zwei Monaten selbst angezeigt hatte, vor Gericht geholt, viel mehr gebeten wurde.
Nun redet man in den Medien vom Aufstieg und Fall des großen Becali. Ich frage mich, wo der Fall bleibt. Gigi, der sich massenhafte Sympathien der ländlichen Bevölkerung durch den Bau und die Renovierung von Kirchen und anderen Einrichtungen zu Eigen machte, hatte die Story-Gier der Medien geschickt ausgenutzt, um seine Omnipräsenz erneut unter Beweis zu stellen.
Heute, am Tag des Prozessauftaktes, zeigt Antena 3 ununterbrochen Bilder von Menschen, die sich gegen die Art und Weise der Festnahme auflehnen. Meistens ältere Leute, Mütterchen mit Kopftuch. Meine Kollegen scherzen, dass sie vermutlich eingekauft sind. Wundern würde es mich nicht, denn die Demonstranten machen auf mich nicht Eindruck, als hätten sie demokratische Grundsätze internalisiert und würden auf die Straßen, weil sie davon überzeugt wären, dass es ihr gutes Recht ist.
Verhaftet wurde der Immobillien-Magnat, der eine goldene lebensgroße Jesus-Ikone im Vorgaten seiner Villa zu stehen hat, übrigens in Bademantel und Hausschuhen. Vielleicht haben sich die Behörden mit ihm verabredet: “Passt es dir, wenn wir dich Montag festnehmen? So gegen 10?” - “Ja, klingt gut. Ich sag den Leuten vom Fernsehen bescheid. Das wird sicher die Breaking News des Tages."

Streunende Hunde

Montag Abend auf der Calea Victoriei, gegenüber des Bukarester Athäums, im Herzen der Stadt. Ich verabschiede mich von meiner Verabredung und mache mich auf den zwanzig minütigen Heimweg durch ein nächtliches Bukarest, welches mit dem am Tag kaum etwas gemein hat. Um diese Uhrzeit ist es ruhig, sind die Parkplätze leer und fahren Autos nur vereinzelt die Straßen entlang, keine Menschenseele in Sicht. Nur streunende Hunde.

Einer von ihnen wird mich nach Hause begleiten. Er ist abgemagert, seine Rippen zeichnen sich unter dem hellbraunen Fell ab. Obwohl diese Hunde in den meisten Fällen harmlos sind, bin ich etwas skeptisch. Ich will, dass er geht. Mit irgendjemand anders mit. Nach ein paar Minuten erwische ich mich, wie ich ihm zu sage: „Geh nach Hause!“ Er schaut mich fragend an und läuft weiter vor mir her.

Hunde wie er gehören zum Stadtbild wie die wirre Architektur. Sie sind das charakteristischste Merkmal dieser Stadt und die letzten Zeugen der Ceausescu-Diktatur: Seiner “Systematisierung” der Bukarester Wohnlandschaft fielen etwa 100 Tausend Menschen zum Opfer. Die historischen Gebäude mussten den „effizienteren“ Wohnblocks weichen. Gut ein Fünftel der Stadt hat der „Conducator“ für die Erbauung seines Palastes (heute Casa Poporolui – “Haus das Volkes) geopfert. Zusammen mit den Menschen verloren auch die Hunde ihr zu Hause. Da man nicht wusste, wie man mit diesem Problem umgehen sollte, ging man es lange Zeit nicht an. Und so wurden die Hunde die Herren der Straßen.

Mein neuer Freund sieht nicht so aus, als wolle er von mir weichen. Ein paar mal zieht ihn irgendetwas in einen schmuddeligen Hinterhof. Er sieht nach. Ich verabschiede mich im Stillen und finde ihn drei Minuten später wieder an meiner Seite. Ich beginne mit ihm zu spielen und merke, dass er mir ein bisschen ans Herz wächst, dieser einsame, viel zu dünne, braune Wolf. Ich bleibe stehen, um zu sehen, was er tut. Er tut es mir gleich, schaut mich fragend an: „Was ist denn? Komm schon.“ Ich folge ihm, denn offenbar weiß er, wohin ich gehen will.

Nicht alle sind so wie er. Im Jahr 2005 wurden etwa sieben Tausend Bukarester wegen Hundebiss behandelt. Ein Jahr später hat ein wilder Hund den Präsidenten der japanisch-rumänischen Freundschaftsgesellschaft gebissen, als dieser die Piata Romana entlang lief. Der Hund hat eine Arterie erwischt, der Mann ist verblutet.

Fünf Jahr zuvor hatten die Bukarester Behörden unter Anleitung des heutigen Präsidenten und damaligen Bürgermeisters Traian Basescu die Hunde zu Freiwild erklärt. Sie wurden gefangen und getötet. Nach Protestaktionen der Bevölkerung nahm man davon Abstand und führte ein Sterilisierungsprogramm ein. Genaue
Zahlen, darüber wie viele Hunde in den Straßen von Bukarest leben, gibt es noch immer nicht. 30, 40 Tausend?

Mein Hund wurde von den Behörden noch nicht erfasst. Er hat keinen gelben Pin im Ohr. Er sieht so aus, als wüsste er sich gut zu helfen, wenn ihm Gefahr droht. Kennt die Stadt, ihre Straßen und Schlupflöcher.
Zielstrebig läuft er vor mir her, bis zur Kreuzung. Hat gelernt, dass man an der Straße stehen bleibt, um zu sehen, ob sie frei ist. Grünes Licht, er dreht sich um, als wolle er sagen: „Ist ok, kannst rübergehen.“

Auf der anderen Straßenseite wohne ich. Ich will ihn nicht wegscheuchen müssen und hoffe, dass er von alleine geht. An meinem Wohnblock angekommen, stecke ich den Schlüssel ins Schloss. „Geh nach Hause!“ sage ich reflexartig. Es ist kalt draußen. Ich würde ihm gern etwas zu essen geben und ein Dach über dem Kopf, ihn adoptieren. Ich drehe den Schlüssel um. Als ich die Hand hebe, um ihn wegzuscheuchen, erschrickt er. Hunde wie er werden hier oft getreten. Ich gehe ins Haus. Er muss draußen bleiben… und tut mir leid. Von drinnen beobachte ich ihn eine kleine Weile. Mit traurigen Augen
sieht mich an. Ich gehe weiter, drehe mich noch einmal um. Er steht noch immer da. So als wüsste er nicht, wohin er jetzt gehen sollte.

Einige Minuten später stehe ich auf meinem Balkon, blicke hinunter. Kein Hund in Sicht. Das beruhigt mich. Dann, nach kurzer Zeit, sehe ich, wie ein abgemagerter, brauner Hund über die Straßen irrt. Ziellos, als wüsste er nicht, was nun. Wieder kein Glück gehabt. Von links nach rechts, von rechts nach links. Dann zurück, wo er hergekommen ist, bevor er mich nach Hause gebracht hat. Vielleicht nimmt ihn jemand anders mit…