Donnerstag, 26. Februar 2009

Limba romana

Ich spreche kein Spanisch. In meiner Eigenschaft als einzige Deutsche in einem spanischen Freundeskreis hier in Bukarest ist mir das schon des Öfteren zum Verhängnis geworden. Wenn ich dann beim sonntäglichen Nachmittagskaffee mit drei Spaniern geistesabwesend die Tischdekoration und den Wandschmuck anstarre, passiert es schon mal, dass einer meiner Begleiter sagt: „You really should learn Spanish.“ Diesen Satz habe ich mittlerweile schon so oft gehört, dass ich darauf nur mit einem kurzen „hm hm“ reagiere. Widerstand zwecklos. Als ich versuche, Alberto zu erklären, dass ich doch aber gerade in Rumänien bin und mich nicht etwa in der Himmelsrichtung geirrt hätte, sondern hier her wollte, weil mich das Land interessiert, seine Menschen, seine Vergangenheit, seine Kultur, ja überhaupt alles…und dass wenn ich überhaupt eine Sprache lerne, das wohl die rumänische sein wird, dann wirft er seine Hand über die Schulter und zieht die Mundwinkel nach unten: „Oh, come on, it’s useless…“ Schließlich sei SPANISCH die drittmeist gesprochene Sprache auf der Welt und nicht rumänisch. Da hat er nicht ganz unrecht, so ganz pragmatisch gesehen. Aber wer kommt schon aus pragmatischen Gründen in ein Land, in dem Polizisten mal eben 3500 Führerscheine meistbietend an den Mann bringen, in dem einmal in der Woche das warme Wasser aussetzt und in dem der Kern der Hauptstadt aussieht, als sei man noch immer mit den Nachkriegsaufräumarbeiten beschäftigt, weil beim Renovieren der Straße archäologisch wertvolle Gegenstände gefunden wurden und man nun (seit zwei Jahren) nicht weiß, ob man die Straße wieder zu teeren soll, oder nicht?!

Also lerne ich so ganz unpragmatisch eine Sprache, mit der ich ‚später nichts anfangen kann‘, weil sie in Bezug auf ihre Verwendung nicht Weltranglistendritte ist, so wie …Spanisch, zum Beispiel. Das ist kein leichtes Unterfangen. Nicht etwa, weil die Sprache besonders schwierig ist, sondern weil es vorn und hinten an Lehrmitteln fehlt. Ich erinnere mich, als ich versuchte, Rumänisch-Lehr- und Wörterbücher in Deutschland zu kaufen, und ich nicht mehr als die kleinste Ausgabe der Langenscheidt-Taschenwörterbücher aus dem Jahre 1998 und einen „Kauderwelsch“-Sprachführer fand. Das Grundgesetz der Marktwirtschaft legt eben nicht besonders viel Wert auf die Berücksichtigung extravaganter Wünsche.

Im Karpatenland, dachte ich, würde das anders sein. Fehlanzeige. Hier ist man ebenfalls nur sehr marginal auf die Tatsache eingestellt, dass es irgendwo Freaks gibt, die die Landessprache erlernen wollen. Schließlich kann ein Großteil der Rumänen fließende Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Deutsch und – ja - auch Spanisch vorweisen. Nun könnte man annehmen, dass es doch aber zumindest gute Wörterbücher geben muss, denn die Rumänen bereichern ihr Fremdsprachenvokabular sicher nicht durch übermäßigen Konsum von Buchstabensuppe. Doch auch hier Fehlanzeige. Zumindest was die deutsche Sprache betrifft und zumindest immer dann, wenn ich einen Buchladen betrete. Ich sehe: rumänisch-italienisch, norwegisch-rumänisch und SPANISCH-rumänisch. Außerdem gibt‘s allerlei Langenscheidt- und Oxfordimportprodukte: Business-Englisch, Rechts-Deutsch und Deutsch-Französisch (?). Irgendwann hatte ich genug und hab mir einfach das nächstbeste Wörterbuch Rumänisch-Deutsch/Deutsch-Rumänisch gekauft.

Seit etwa drei Wochen besuche ich einen Rumänischkurs an der Bukarester Volkshochschule. Manche sagten diese Institution sei hinter der Fassade noch immer kommunistisch. Nun, modern ist sie nicht. Der Raum, in dem ich und 5 andere Leute aus Bulgarien, der Schweiz, Frankreich und Italien unterrichtet werden, ist kaum größer als 15 Quadratmeter. Von der Tafel blättert die grüne Farbe, die Heizung quietscht, wenn man sie berührt und mitunter kommt es auch mal vor, dass der Kopierer zwei Wochen lang nicht funktioniert, weil niemand den Toner auswechselt. Mehr als dass ich tatsächlich viel von meiner Lehrerin lerne, sorgt siefür gute Unterhaltung. Brandusa heißt sie, ist nett, sehr redselig und über die Maßen schrullig. Sie ist etwa Mitte vierzig, klein und kräftig. Ihre blonden lockigen Haare steckt sie hinten mit einer neongrünen Spange hoch, so dass die kürzeren Haare vorn ihr ins Gesicht hängen. Wenn sie besonders aufgeregt von etwas erzählt – und das tut sie oft – richtet sie mit der linken Hand entweder ihre große Brille oder ihre Frisur, dies allerdings ohne ihr Haar tatsächlich zu berühren. Die Stunde läuft dann wie folgt: Sie erzählt von irgendetwas, ihr fällt auf, dass in ihrem Bericht ein Verb vorkommt und schreibt dessen Konjugation an die Tafel. Dann liest einer vor. Sie erzählt wieder etwas, zum Beispiel darüber, wie sie einmal einem Indonesier Rumänisch lehrte, der dann für sie speziell indonesisches Essen zubereitete. Noch bevor sie den ersten Satz sagen kann, bricht sie in Gelächter aus. Während sie davon erzählt, wie ihr der Indonesier panierte Hühnerknorpel servierte, atmet sie zweimal tief ein und sagt Dinge wie: „Nein. Also, das KONNTE ich einfach nicht glauben.“ Oder „ha ha, das habe ich vorher noch nie gesehen.“ Dann beschließt sie ihre kurze Anekdote mit gehoben Schultern und lässt Sätze verlauten, die sinngemäß nach „andere Länder, andere Sitten“ klingen. Manchmal wird sie auch philosophisch und besteht mit halbgeschlossenen Augen und nachdrücklichen Handbewegungen darauf, wie wichtig es doch sei, dass wir tolerant sind. Vor allem den Nachbarn gegenüber... Ihre Nachbarn seien ihr wichtig, weil ihre Familie nicht in Bukarest lebe, sagt sie.

Bei soviel Erzählbedarf bleibt eigentlich gar kein Platz für die Grammatik aber die wird beim Erlernen einer Sprache ja wohl total überschätzt. Brandusa sagt immer, wenn man eine Sprache lernen will, dann muss man reden. Vergesst den Dativ und dem Genitiv sein Tod! Schließlich ist eine Sprache erst dann lebendig, wenn sie auch benutzt wird. Ich nehme an, sie denkt, dass jeder, der einen Mund hat, auch zwangsläufig in der Lage ist, rumänisch zu sprechen. Da ist auch ein Unterrichtskonzept nicht wirklich von Nöten. Sie erzählt gern, freut sich darüber, dass sie Menschen aus aller Herren Länder unterrichten darf. Und manchmal hab ich den Eindruck sie stillt damit ihr Fernweh.

Mittlerweile ist mein Rumänisch auf dem Niveau, dass ich nicht verhungern muss, zur Post gehen und nach dem Weg fragen kann. Ich mag die Sprache sehr, ihre Melodie und ihren Klang. Das sie anderen Menschen außerhalb (und zuweilen auch innerhalb Rumäniens) egal ist, ist mir ziemlich egal!

Montag, 9. Februar 2009

Kurioses und Kriminelles aus dem Karpatenland

In der staatlichen Radio-Station zu arbeiten, hat vor allem den Vorteil, dass man an der Quelle sitzt, was Neuigkeiten anbelangt. So manches Mal kommt es vor, dass ich kopfschüttelnd mit gehobener Augenbraue die Übersetzungen der Presseschau gegenlese. Hier mal ein paar Schmankerl:


Vor etwa drei Wochen starb ein 62jähriger Mann in einem Krankenhaus in Slatina, im Süden Rumäniens. Doch er starb nicht etwa, weil er eine Operation nicht überlebt, sondern weil man ihn schlicht nicht behandelt hatte. Vier Stunden irrte der Mann durch die Notaufnahme und niemand hielt es für nötig, sich seiner anzunehmen. Der zuständige Arzt zog es vor, sich mit der Behandlung einer kleinen Wunde eins Kommunalpolitikers zu beschäftigen – eine Sache, die auch von Krankenschwester hätte erledigt werden können. Grund dafür: Wer in Rumänien sicher gehen will, dass er eine gute Behandlung bekommt, kalkuliert ein paar Hunderter extra ein, um das minimale Gehalt der Ärzte aufzustocken. Wer kein Geld hat, mit dem er schmieren kann, dessen Behandlung wird auch dürftig ausfallen, sofern sie überhaupt stattfindet. Korruption ist hierzulande nach wie vor das größte Problem. Das Gesundheitsministerium veranlasste die Entlassung aller Verantwortlichen in diesem Fall. Ob das hilft, wage ich zu bezweifeln. Es scheint mir mehr eine Reaktion um ihrer selbst Willen zu sein. Effekthascherei, nach dem Motto: Es muss schnell was getan werden, womöglich ganz laut, damit die Bevölkerung bemerkt, dass die Regierung nicht tatenlos zu sieht. Das System klagt über Schmerzen und die Regierung entschließt diese mit einem Hammerschlag zu betäuben, statt den faulen Zahn zu ziehen.


Anderes Beispiel: Zwei Wochen später redet niemand mehr über die gigantischen Risse im Gesundheitssystem, sondern über die Schwächen der Justiz und Polizei. Nachdem jemand 55 Maschinengewehre aus einem Waffenlager einer Militärbasis in der Nähe von Bukarest gestohlen hatte, wurden zahlreiche potentiell Verantwortliche aus dem Verteidigungsministerium entlassen. Was da genau passiert ist, weiß man bis heute nicht, wenn auch bereits weit über 100 Menschen verhört wurden.


Kurze Zeit später wurden in der Nähe von Brasov zwei Menschen umgebracht. Das seltsame an diesem Doppelmord ist jedoch, dass der Tatverdächtige eigentlich in einem Gefängnis eine Strafe von 15 Jahren absitzen sollte. Doch aus medizinischen Gründen gewährte man ihm vorüber gehend Gefängnisurlaub. Nachdem sein Urlaub abgelaufen war, hatte der Mann wohl einfach vergessen, wieder in den Knast zurück zu kehren. Neuesten Meldungen zu Folge, handelt es sich bei dem Moldawier aber doch nicht um den Täter. Na, Gott sei Dank! Vielleicht haben wir ja Glück und er wird nicht rückfällig. (Ich nehme, man wird nicht für 15 Jahre verknackt, weil man Bonbons geklaut hat.) Ob er bei der Durchsetzung seines Gefängnisurlaubs mit ein paar Scheinchen nachgeholfen hat, weiß man nicht.


Anfang Februar wollten drei Drogendealer, zwei Rumänen und ein Spanier, 1,2 Tonnen reines Kokain in das Land schmuggeln. Das Zeug stammte aus Latein-Amerika und hätte die drei Männer hier zu Millionären gemacht. Da sie beim Verkauf des Stoffs ja ordentlich Geld übrig hätten, wollten sie dem Zollbeamten schon im Voraus etwas von ihrem Vermögen schenken: 20 Tausend Euro. Doch da – und hier scheint die Arbeit der Antikorruptionskommission doch Wirkung zu zeigen – wurde der Beamte stutzig und veranlasste erst recht die Untersuchung des Lastwagens. Die Männer wurden festgenommen und die Drogen konfisziert. Dieser Fall wurde als einziger von den drei zitierten gelöst.


Angesichts dessen, kann man sich denken, dass Politik in Rumänien keinen Spaß macht. Innerhalb von knapp zwei Monaten wurde der Posten des Innenministers dreimal gewechselt. Der erste Innenminister Gabriel Oprea hatte das Amt kurz nach der Bildung der Regierungskoalition wegen Partei interner Differenzen niedergelegt. Abgelöst wurde er von seinem sozialdemokratischen Parteikollegen Liviu Dragnea. Der hatte aber auch nach etwa zwölf Tagen die Schnauze voll, weil ihm das Haushaltbudget für sein Ressort zu klein war. Man kann ja auch nicht unter allen Bedingungen arbeiten. Jetzt hofft das Land auf die letzte Vorstellung im Besetzungszirkus und führt den sozialdemokratischen Vizepremier Dan Nica in das Amt ein. Dieser kennt sich mit den dortigen Gepflogenheiten schon ein bisschen aus, denn er war der Lückenfüller als Oprea das Amt bereits niegergelegt und Liviu es noch nicht aufgenommen hatte. Bleibt also zu hoffen, dass sich Nica im Klaren darüber ist, worauf er sich einlässt.

Geschmackssache

Die Sonne hat uns hier in Bukarest nach einem zweitägigen Kurzaufenthalt wieder verlassen und den Regen zurück geschickt. Darüber bin ich ziemlich entsetzt, denn die zwei Tage, die sie uns mit ihrer Anwesenheit beglückte, waren die ersten seit zweieinhalb Wochen. Also fiel mein Plan, eine Foto-Tour durch Bukarest zu machen und die Stadt von ihrer besten Seite – nämlich bei blauen Himmel und warmen Sonnenlicht – festzuhalten, aus.

Stattdessen ging ich mit Ana ins Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst und hab in Schnappschüssen das festgehalten, was auf dem Weg liegt. Das Museum befindet sich im „Casa Poporului“, dem „Haus des Volkes“, dem Parlaments-Palast im südlichen Stadtzentrum. Das Haus ist einer der besten Beweise für Ceausescus gigantomanische Allmachtsphantasien: Der Palast besteht aus 1.100 Räumen, ist 270 mal 240 Meter lang und breit, 86 Meter hoch und 92 Meter tief (!). Größer ist laut dem Guiness-Buch der Rekorde nur noch das Pentagon in den USA. Bei diesen Ausmaßen bietet sich der Gebäudekomplex als multifunkionaler Ort serh gut an. Er ist Sitz des Parlaments und berherbergt einige Museen. Angesichts seiner riesigen Ausmaße verwundert es ein bisschen, dass der Palast nie fertig gebaut wurde. Der "Conducator", nach dem das Haus mit Ceausesc-Palace eigentlich benannt werden sollte, wenn man ihn nicht gestürzt und hingerichtet hätte, hätte zum Beispiel noch gern eine Turmuhr gehabt.

Ich verspäte mich um 15 Minuten zu unserem Treffen, weil ich nicht bedacht habe, dass ich noch einen Kilometermarsch um den Palast herum ablegen muss, um letzten Endes zum Museum zu gelangen.


Die Ausstellung, die wir uns ansehen, zeigt die Kunstwerke, die historische Ereignisse oder die Werke anderer Künstler neu interpretieren. Rumänische Künstler sind dabei leider nicht vertreten (, dafür allerdings überproportional oft ein slowakischer Künstler namens Janez Jansa.) Bereits vor einer Woche habe ich einen Versuch unternommen, mit zeitgenössischer rumänischer Kunst leibhaftig in Berührung zu kommen. Ich las von einer „Galeria Noua“ (neue Galerie), die mir sehr aufschlussreich erschien. Als wir dort ankamen, fanden wir keine kontroversen Videoinstallationen vor, sondern anstrengend versöhnliche Bilder von Blumen und Stillleben. Etwas verdutzt bewegten Raul und ich uns in den Räumen, unentschlossen darüber, ob wir gleich gehen oder doch noch ein bisschen Interesse heucheln sollen. Schließlich fragte ich die Hobbymalerin nach der Galeria Noua, die sich an diesem Ort doch eigentlich befinden sollte.

Neben ihren Bildern wiesen mich auch der rosafarbene Strickpulli und die zu einem Dutt gebundenen Haare der etwa Mitfünzigerin daraufhin, dass sie nicht zu den Menschen gehörte, die an zeitgenössischer Kunst interessiert sind. Freundlich erklärte sie mir, dass die Galeria Noua schließen musste, weil sie keinen Anklang fand. Ich wurde stutzig. „Die rumänischen Leute mögen so eine Art von Kunst nicht. Diese Video-Installationen… Leute wie Sie, Touristen, die haben sich das angeguckt. Aber Rumänen…nicht.“, erzählte sie in gebrochenem Englisch. Aha…?! Dann versuchte sie mich in ein Gespräch über deutsche Impressionisten zu verwickeln und ich wurde den Eindruck nicht los, dass sich mich in Bezug auf meinen Kunstgeschmack gern bekehren wollte. Etwas niedergeschlagen trat ich aus der Galerie und beschloss, den direkten Weg zu gehen und ein paar Künstler anzuschreiben, von denen mir einer versicherte, dass die Galeria Noua beim besten Willen nicht über Mangel an Interesse klagen konnte, im Gegenteil. „The underground does exist, I’m sure you’ll find it“, schreibt er. Na, dann mal los.

Fahrt nach Brasov














Nach drei Wochen in der autoübervölkerten Hauptstadt wird es mal Zeit, für einen kleinen Ausflug. Nachdem mir alle Welt erzählt, wie schön es in Brasov ist, erkläre ich die 320000 Menschen zählende „Hauptstadt des Burzenlandes“ zu meinem Reiseziel.

Mit einer am Vortag gekauften Fahrkarte für den Rapid-Zug mache ich mich Samstag Morgen auf den Weg zum Bahnhof. Ich muss unwillkürlich an die Fahrten auf den Schienen Polens denken, an die alten Züge, die lautstark über die Schienen rattern und an die großen, schweren Sitze in den Abteilen, und ich freu mich schon auf die Zugfahrt in die Südkarpaten. Als ich den blauen Schnellzug mit seiner automatischen Türöffnung auf dem Gleis stehen sehe, bin ich fast ein bisschen enttäuscht: keine alte Ruckelbahn, sondern moderne Technik und Designs, die es ohne Probleme mit dem RE 1 aufnehmen können.

Aus dem Bukarester Bahnhof fahrend, schaue ich aus dem Fenster auf der Suche nach etwas „typisch rumänischem“ und finde zunächst nichts. Die Dörfer, eine Aneinanderreihung von Häusern mit Kirche und Friedhof, wie überall. Die Felder wirken etwas chaotischer. Keine rechteckige Unterteilung: hier Mais, dort Raps, da Getreide. Ein paar Felder sind gemäht, andere nicht. Hier und da ein paar Pferdewagen, deren Anhänger aus der Ferne gefährlich zerbrechlich aussehen.

Neben den Schienen verlaufen Straßen, die mir einen weiteren Einblick in die rumänische Infrastruktur geben. Die Autobahnstrecke in Rumänien fällt sehr marginal aus und erstreckt sich laut meiner Karte von Bukarest aus etwa 80km in den Norden und weitere 100km Richtung Nordwesten. Alles andere sind schmale, einspurige Landstraßen. Doch Besserung ist auf dem Weg: Sowohl an Straßenecken als auch an Bahnhöfen stehen in inflationärer Menge Schilder, die auf die Sanierung von Straßen und Eisenbahnschienen hinweisen. Langwierige, bitter nötige Unterfangen, die von der EU finanziert werden, wie die Schilder erklären. Doch Europa steckt hier nicht nur im Geld. In einem kleinen Ski-Ort sehe ich ein sehr modernes Kirchengebäude, an dem links neben der Uhr die rumänische, rechts daneben die EU-Flagge angebracht ist. Europa, eine Glaubensfrage? Zur Einstellung der Rumänen gegenüber der EU, den Vor- und Nachteilen des Beitritts ließen sich unzählige Bücher schreiben.

Die Strecke führt in die Berge, links und rechts von den Schienen sind kleine Flussläufe zu sehen. Klares Gebirgswasser, in das sich Felsenfüße schmiegen. Ein schönes Bild, wäre da nicht dieser ekelhafte Müll. Bereits kurz hinter Bukarest kann man auf eine Deponie blicken und darf sich fragen, ob eigentlich jemand darüber nachgedacht hat, was mit dem Müll passiert, wenn er erst einmal dort aufgehäuft ist. In den kleinen Gebirgsgewässern und an Straßenrändern liegen etliche Plastikflaschen. Fremdkörper, bei deren Anblick man sich die Frage stellt, wie sie dahin gekommen sein mögen, da weit und breit kein Mensch in Sichtweite ist. Nein, so etwas wie ein ökologisches Bewusstsein gibt es in Rumänien wohl noch nicht…

In Brasov am Bahnhof angekommen, scheint meine vorübergehende Orientierungslosigkeit und mein mittelgroßer Tagesrucksack zu verraten, dass ich Touristin bin. Es dauert keine Minute bis mir der erste Taxifahrer seine Dienste anbietet. Er trägt seinen auswendig gelernten Vers in Englisch vor und erzählt etwas von Rundfahrt und 100 Lei (etwa 25 Euro). Ich winke ab und besorge mir eine Stadtkarte. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Ob ich eine Unterkunft bräuchte, fragt er. Mein Nein hört er nicht. Er arbeite für ein Hostel. Als ich nachdrücklich dankend ablehne mit dem Argument, dass ich nicht über Nacht bleibe, wendet er sich resigniert ab. Vermutlich bin ich nicht die einzige, die ihm heute eine Abfuhr erteilt.


Der Weg in die Altstadt führt über den Bulevardul Victoriei, den Siegesboulevard, den es in irgendeiner Form in jeder rumänischen Stadt geben muss. Wenn ich nicht irre, liegt der geschichtliche Ursprung des „Siegesboulevards“ in Brasov oder der „Sieges-Allee“ in Bukarest im Jahre 1877 als sich Rumänien seine Unabhängigkeit gegenüber dem Ottomanischen Reich erkämpfte.

Anders als die Wohnblöcke auf dem Siegesboulevard – Relikte aus dem Kommunismus, wie mir scheint – kann man in der Altstadt wunderschöne mittelalterliche Gebäude besichtigen. Am Rathausplatz sammeln sich Cafés, Restaurants, Geschäfte und die obligatorischen Souvenirläden, die überwiegend kitschige oder geschmacksbefreite neonfarbene „Andenken an Transilvanien“ verkaufen.

Ich beschließe, mich zunächst für meinen Stadtrundgang in einem Restaurant zu stärken und bestelle die Brasover Spezialität, ohne genau zu ahnen, worum es sich dabei handelt: Fleisch mit Fleisch und noch ein bisschen Fleisch. Ich sehne mich nach irgendeiner Art von Gemüse und bin gleichzeitig froh, kein Vegetarier zu sein. Vermutlich wird der Verzicht auf Fleisch hierzulande als Ernst zunehmende Krankheit verstanden, zumindest aber als eine Art verrückter Spleen, denke ich mir. Immerhin kann ich mich nach diesem Proteinschub noch bewegen und mache mich auf den Weg nach oben. Mit einem Lift kann man in etwa 1000m Höhe aufsteigen und von der Panorama-Plattform, die den Namen des Ortes in großen Lettern auf die Berge schreibt, einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt genießen. Für die Ortsansässigen scheint es ebenso ein beliebter Ort der Entspannung zu sein, wie für Touristen. Die Sonne scheint und für Anfang Februar mutet dieser Samstag mit seinen 15 Grad nahezu tropisch an. Die Leute lassen es sich im Cafe auf dem Berg gut gehen, auch wenn die Musik, die viel zu laut aus den Lautsprechern in die Natur dringt, nicht jedermanns Sache ist.


Bis mein Zug nach Bukarest fährt, schlendere ich noch ein bisschen durch die Stadt, bemüht darum meine Auge für die Menschen hier zu schulen: Es sind viele Kleinfamilien und Paare unterwegs. Ich frage eines von ihnen, ob sie ein Foto von mir machen könnten und wende mich zunächst der Frau zu. Die sieht mich verstört an als hätte ich sie nach der Lösung der Weltformel gefragt. Dann übernimmt ihr Mann in recht gutem Englisch das Ruder und erwidert auf mein „Thank You!“ ein sehr freundliches „You’re welcome!“…

Auf dem Weg zum Bahnhof, bitte ich zwei junge Frauen um Hilfe. Sie erklären mir kurz auf der Karte den Weg und beschließen dann, mich ein Stück zu begleiten, da es ohnehin auf ihrem Weg läge. Obwohl etwas verschüchtert, sind sie ziemlich neugierig und wir kommen ins Gespräch. Sie wirken irgendwie ein bisschen aufgeregt und scheinen sich darüber zu freuen, jemanden aus dem Ausland zu treffen. Sie entschuldigen sich für ihr „schlechtes Englisch“, ich mich für die Tatsache, dass mein Rumänisch leider noch nicht ausreicht, um zu halbwegs gerade aus zu kommunizieren. „Ja, aber Englisch ist eine internationale Sprache. Wir sollten sie sprechen können.“, sagen sie. Vermutlich haben sie recht. Und dennoch tut es mir leid, dass man in diesem Land größtenteils den Weg des geringsten Widerstands gehen und in der „internationalen Sprache“ kommunizieren kann. Wir verabschieden uns und ich bedanke mich – auf Rumänisch, immerhin das –steige wenig später in den Zug Richtung Bukarest und freu mich schon auf den nächsten Flecken rumänischer Erde, den ich kennenlernen werde.