Montag, 9. Februar 2009

Fahrt nach Brasov














Nach drei Wochen in der autoübervölkerten Hauptstadt wird es mal Zeit, für einen kleinen Ausflug. Nachdem mir alle Welt erzählt, wie schön es in Brasov ist, erkläre ich die 320000 Menschen zählende „Hauptstadt des Burzenlandes“ zu meinem Reiseziel.

Mit einer am Vortag gekauften Fahrkarte für den Rapid-Zug mache ich mich Samstag Morgen auf den Weg zum Bahnhof. Ich muss unwillkürlich an die Fahrten auf den Schienen Polens denken, an die alten Züge, die lautstark über die Schienen rattern und an die großen, schweren Sitze in den Abteilen, und ich freu mich schon auf die Zugfahrt in die Südkarpaten. Als ich den blauen Schnellzug mit seiner automatischen Türöffnung auf dem Gleis stehen sehe, bin ich fast ein bisschen enttäuscht: keine alte Ruckelbahn, sondern moderne Technik und Designs, die es ohne Probleme mit dem RE 1 aufnehmen können.

Aus dem Bukarester Bahnhof fahrend, schaue ich aus dem Fenster auf der Suche nach etwas „typisch rumänischem“ und finde zunächst nichts. Die Dörfer, eine Aneinanderreihung von Häusern mit Kirche und Friedhof, wie überall. Die Felder wirken etwas chaotischer. Keine rechteckige Unterteilung: hier Mais, dort Raps, da Getreide. Ein paar Felder sind gemäht, andere nicht. Hier und da ein paar Pferdewagen, deren Anhänger aus der Ferne gefährlich zerbrechlich aussehen.

Neben den Schienen verlaufen Straßen, die mir einen weiteren Einblick in die rumänische Infrastruktur geben. Die Autobahnstrecke in Rumänien fällt sehr marginal aus und erstreckt sich laut meiner Karte von Bukarest aus etwa 80km in den Norden und weitere 100km Richtung Nordwesten. Alles andere sind schmale, einspurige Landstraßen. Doch Besserung ist auf dem Weg: Sowohl an Straßenecken als auch an Bahnhöfen stehen in inflationärer Menge Schilder, die auf die Sanierung von Straßen und Eisenbahnschienen hinweisen. Langwierige, bitter nötige Unterfangen, die von der EU finanziert werden, wie die Schilder erklären. Doch Europa steckt hier nicht nur im Geld. In einem kleinen Ski-Ort sehe ich ein sehr modernes Kirchengebäude, an dem links neben der Uhr die rumänische, rechts daneben die EU-Flagge angebracht ist. Europa, eine Glaubensfrage? Zur Einstellung der Rumänen gegenüber der EU, den Vor- und Nachteilen des Beitritts ließen sich unzählige Bücher schreiben.

Die Strecke führt in die Berge, links und rechts von den Schienen sind kleine Flussläufe zu sehen. Klares Gebirgswasser, in das sich Felsenfüße schmiegen. Ein schönes Bild, wäre da nicht dieser ekelhafte Müll. Bereits kurz hinter Bukarest kann man auf eine Deponie blicken und darf sich fragen, ob eigentlich jemand darüber nachgedacht hat, was mit dem Müll passiert, wenn er erst einmal dort aufgehäuft ist. In den kleinen Gebirgsgewässern und an Straßenrändern liegen etliche Plastikflaschen. Fremdkörper, bei deren Anblick man sich die Frage stellt, wie sie dahin gekommen sein mögen, da weit und breit kein Mensch in Sichtweite ist. Nein, so etwas wie ein ökologisches Bewusstsein gibt es in Rumänien wohl noch nicht…

In Brasov am Bahnhof angekommen, scheint meine vorübergehende Orientierungslosigkeit und mein mittelgroßer Tagesrucksack zu verraten, dass ich Touristin bin. Es dauert keine Minute bis mir der erste Taxifahrer seine Dienste anbietet. Er trägt seinen auswendig gelernten Vers in Englisch vor und erzählt etwas von Rundfahrt und 100 Lei (etwa 25 Euro). Ich winke ab und besorge mir eine Stadtkarte. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Ob ich eine Unterkunft bräuchte, fragt er. Mein Nein hört er nicht. Er arbeite für ein Hostel. Als ich nachdrücklich dankend ablehne mit dem Argument, dass ich nicht über Nacht bleibe, wendet er sich resigniert ab. Vermutlich bin ich nicht die einzige, die ihm heute eine Abfuhr erteilt.


Der Weg in die Altstadt führt über den Bulevardul Victoriei, den Siegesboulevard, den es in irgendeiner Form in jeder rumänischen Stadt geben muss. Wenn ich nicht irre, liegt der geschichtliche Ursprung des „Siegesboulevards“ in Brasov oder der „Sieges-Allee“ in Bukarest im Jahre 1877 als sich Rumänien seine Unabhängigkeit gegenüber dem Ottomanischen Reich erkämpfte.

Anders als die Wohnblöcke auf dem Siegesboulevard – Relikte aus dem Kommunismus, wie mir scheint – kann man in der Altstadt wunderschöne mittelalterliche Gebäude besichtigen. Am Rathausplatz sammeln sich Cafés, Restaurants, Geschäfte und die obligatorischen Souvenirläden, die überwiegend kitschige oder geschmacksbefreite neonfarbene „Andenken an Transilvanien“ verkaufen.

Ich beschließe, mich zunächst für meinen Stadtrundgang in einem Restaurant zu stärken und bestelle die Brasover Spezialität, ohne genau zu ahnen, worum es sich dabei handelt: Fleisch mit Fleisch und noch ein bisschen Fleisch. Ich sehne mich nach irgendeiner Art von Gemüse und bin gleichzeitig froh, kein Vegetarier zu sein. Vermutlich wird der Verzicht auf Fleisch hierzulande als Ernst zunehmende Krankheit verstanden, zumindest aber als eine Art verrückter Spleen, denke ich mir. Immerhin kann ich mich nach diesem Proteinschub noch bewegen und mache mich auf den Weg nach oben. Mit einem Lift kann man in etwa 1000m Höhe aufsteigen und von der Panorama-Plattform, die den Namen des Ortes in großen Lettern auf die Berge schreibt, einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt genießen. Für die Ortsansässigen scheint es ebenso ein beliebter Ort der Entspannung zu sein, wie für Touristen. Die Sonne scheint und für Anfang Februar mutet dieser Samstag mit seinen 15 Grad nahezu tropisch an. Die Leute lassen es sich im Cafe auf dem Berg gut gehen, auch wenn die Musik, die viel zu laut aus den Lautsprechern in die Natur dringt, nicht jedermanns Sache ist.


Bis mein Zug nach Bukarest fährt, schlendere ich noch ein bisschen durch die Stadt, bemüht darum meine Auge für die Menschen hier zu schulen: Es sind viele Kleinfamilien und Paare unterwegs. Ich frage eines von ihnen, ob sie ein Foto von mir machen könnten und wende mich zunächst der Frau zu. Die sieht mich verstört an als hätte ich sie nach der Lösung der Weltformel gefragt. Dann übernimmt ihr Mann in recht gutem Englisch das Ruder und erwidert auf mein „Thank You!“ ein sehr freundliches „You’re welcome!“…

Auf dem Weg zum Bahnhof, bitte ich zwei junge Frauen um Hilfe. Sie erklären mir kurz auf der Karte den Weg und beschließen dann, mich ein Stück zu begleiten, da es ohnehin auf ihrem Weg läge. Obwohl etwas verschüchtert, sind sie ziemlich neugierig und wir kommen ins Gespräch. Sie wirken irgendwie ein bisschen aufgeregt und scheinen sich darüber zu freuen, jemanden aus dem Ausland zu treffen. Sie entschuldigen sich für ihr „schlechtes Englisch“, ich mich für die Tatsache, dass mein Rumänisch leider noch nicht ausreicht, um zu halbwegs gerade aus zu kommunizieren. „Ja, aber Englisch ist eine internationale Sprache. Wir sollten sie sprechen können.“, sagen sie. Vermutlich haben sie recht. Und dennoch tut es mir leid, dass man in diesem Land größtenteils den Weg des geringsten Widerstands gehen und in der „internationalen Sprache“ kommunizieren kann. Wir verabschieden uns und ich bedanke mich – auf Rumänisch, immerhin das –steige wenig später in den Zug Richtung Bukarest und freu mich schon auf den nächsten Flecken rumänischer Erde, den ich kennenlernen werde.

1 Kommentar:

  1. Außer der Innenstadt mit Rathausplatz und Schwarzer Kirche und natürlich die Zinne / Tâmpa, wäre auch das alte Viertel Şcheii Braşovului / Kronstädter Schkej sehenswert. Im Mittelalter waren Siebenbürger Sachsen und Rumänen als Gemeinschaften noch streng getrennt, die Deutschen bevölkerten die Innenstadt rund um die Schwarze Kirche, die Rumänen hatten ihr eigenes Viertel auf den Hügeln hinter dem Schkejaner Tor / Poarta Şcheiană, das auch als Stadttor fungierte. In der Druckerei der ebenfalls im Schkej befindlichen orthodoxen St. Nikolauskirche (biserica Sf. Nicoale) werden auch einige der ältesten rumänischen Schriften aufbewahrt. Dort soll es auch die älteste rumänischsprachige Schule gegeben haben, wenn man dem Pfarrer glauben darf. In der Kirche gibt es auch geheime Gänge (die Kirche in der Kirche, wie der Pfarrer sagte), in denen man sich vor den Türken versteckt haben soll, leider (oder vielleicht doch glücklicherweise?) für normale Touristen nicht zugänglich.

    Hier mehr Fotos aus Kronstadt. einschließlich aus dem Şchei-Viertel.

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