Dienstag, 14. April 2009

So tun als ob

Manchmal, wenn ich über Rumänien so nachdenke und versuche, mir das Land in einer möglichst kurzen Formel begreiflich zu machen, trifft es keine Phrase so gut wie diese: It’s all about pretending. Schein und Sein liegen in Rumänien oftmals weiter aus einander, als der erste Blick vermuten lässt. Damit meine ich nicht nur die zahlenmäßig hohe Präsenz von teuren Schlitten im Bukarester Verkehr. Kaum jemand fährt hier einen popligen Lada. Da wird lieber ein teurer Kredit aufgenommen, um sich einen schnittigen Mittelklassewagen zu kaufen.

Nein, der Teufel des Scheins steckt auch in anderen Details. Zum Beispiel in der kindersicheren Steckdose in einem Hostel in Iasi, die fast aus der Wand fällt oder in den „Rauchen verboten“-Schildern, die dort an jeder Wand hängen und unter denen ein blecherner Aschenbecher steht. Oder aber die Selbstreinigungsapparate in Restauranttoiletten, deren Reinigungsmittel stets verbraucht ist und selten bis nie nachgefüllt wird. Einer meiner größten Favoriten bleibt aber noch immer das gläserne Bürogebäude zwischen Piata Universitatii und Piata Unirii, im Stadtzentrum. Die Front ist reich bestückt mit gigantomanischen digitalen Werbetafeln, die alle zehn Sekunden ihr Motiv ändern, während der Rückseite des Gebäudes selbst noch die Fassade fehlt.

Vor ein paar Wochen war ich mit meinem Mitbewohner und einem anderen Freund namens Marcel, einem Korrespondenten einer spanischen Presseagentur, in einem Lokal essen. „Es wird dir gefallen“, hat Marcel versprochen, „weil es typisch rumänisch ist.“ Wir fahren ans andere Ende der Stadt, außerhalb des Zentrums. Touristen dürften sich hier hin nur schwer verlaufen. Das Restaurant trägt den Namen eines der beiden großen Bukarester Fussball-Clubs „Rapid“, weil es neben dem Stadion liegt. Die Gegend hier besteht hauptsächlich aus kastenförmigen Wohnblöcken der Ceaucescu-Ära und hat mit den dekadenten Gebäuden der Innenstadt nur wenig gemein. Das Lokal liegt im dritten Stock eines Multifunktionsgebäude: Parterre Blumenladen, zweiter Stock Bekleidungsgeschäft, dritter Stock Restaurant. Es ist Sonntagabend, acht Uhr. Außer uns befinden sich hier noch zwei weitere Gäste. Die Einrichtung ist rustikal: Holztäfelung an den Wänden, hier und da ein bisschen volkstümlicher Wandschmuck und im Blickfeld aller Tische ein überdimensionierter Flachbildfernseher. Ich kann mich den gesamten Abend lang auf kein Gespräch mit meinen Begleitern konzentrieren, weil ich ständig auf die 100 mal 500 Meter Bildfläche schauen muss, auch wenn mich das Geflimmer überhaupt nicht interessiert. Wenig später gesellen sich zu uns und den anderen beiden Gästen vier starke Jungs, die offenbar zu den hiesigen Stammgästen gehören. Ich hatte nach einem kurzen Augenblick der Beobachtung den Eindruck, sie würden nur des Fernsehers wegen gerade im „Rapid“ ihr Bier trinken und nirgendwo anders.

Die Bedienung ist zuvorkommend, reicht uns freundlich die Speisekarte und räumt die vorgedeckten Teller und Weingläser ab, um unseren Biergläsern und Tellern mit Salmale (Krautwickel) und Tochitura (sowas wie Gulasch) Platz zu schaffen. Das Essen ist traditionell rumänisch und tatsächlich sehr köstlich. Als wir fertig sind, spurtet ein Kellner heran, um mit einem kleinen, schrecklich lauten Handstaubsauger die Brotkrümel von der Tischdecke zu entfernen. Ich bin leicht irritiert, weil ich noch immer auf den großen Fernseher starre. Als ich auf den Tisch schaue, sind die Krümel zwar weg, doch offenbaren sich jetzt ein paar kleine Löcher in der Tischdecke. Vermutlich hab ich sie vorher nicht bemerkt, weil die unbenutzten Weingläser darauf standen.

Marcel ist bekennender Rumänien-Fan und geriet vor allem bei dem Gedanken an die Live-Band des „Rapid“ in Verzückung. Diese kommt in Viererbesetzung mit etwa einer Stunde Verspätung an: Der dickere halbglatzige Akkordeonspieler macht nicht den Eindruck, als sei er sonderlich erfreut über seine Tätigkeit. Er setzt sich routiniert gelangweilt auf einen der alten Holzstühle, nippt an seinem Bier und stimmt sein Instrument mit schläfrigem Blick. Der Rest der Band sitzt hinter ihm, die Köpfe unbeteiligt in den Händen haltend, so als hätten sie beim besten Willen etwas besseres zu tun, als in diesem Möchtegern Dreisterne-Restaurant alte rumänische Schlager zum Besten zu bringen. Vermutlich bereuen sie es, dass sie mit dem Rücken zum Fernseher sitzen. Ich bin in diesem Augenblick geringfügig reizüberflutet, weil ich mir nicht sicher bin, welche der beiden Unterhaltungsformen größere Aufmerksamkeit verlangt: der LCD-Superriesenplasmabildschirm oder die hochamüsante Spaßkapelle.

Da wir uns für kein Entertainment entscheiden können, beschließen wir den Heimweg anzutreten. Im zweiten Stock steht ein Schuhputzapparat, riesengroß, mit Pflegecreme für braunes und schwarzes Leder. Als ich ihn spaßeshalber benutzen will, stelle ich fest, dass er kaputt ist. Und das vermutlich schon länger...

Montag, 6. April 2009

Breaking News

Ich habe einen Fernseher zu Hause. Aber ich kann nicht fernsehen, weil ich die Kanäle entweder in zu schlechter Bild- oder zu schlechter Tonqualität oder eben gar nicht empfange. Ist auch egal, Hauptsache, er steht erstmal da.

Im Radio gibt es Gott sei Dank noch eine andere Flimmerkiste. Wir schalten Sie nur selten ein. Aber immerhin steht sie erstmal da. Heute war einer der seltenen Tage, an dem der Fernseher in der Redaktion tatsächlich lief. Antena 3, ein Nachrichtensender mit sogenannten Breaking News! Seit ungefähr fünf Stunden wird auf diesem Programm über den Prozess gegen Gigi Becali, einer der interessantesten, weil kontroversesten Persönlichkeiten des postkommunistischen Rumäniens berichtet.
Becali heisst eigentlich George mit Vornamen. Aber er wird on allen nur Gigi genannt, ist wohl medienwirksamer. Er hat viel Geld, weniger Moral und von demokratischen Grundwerten keine Ahnung, so scheint es. Seine Familie war schon zu Zeiten des Kommunismus überdurchschnittlich wohlhabend, nach der Revolution ergriff ihn der Opportunismus und er scheffelte Geld, wo er nur konnte. Mittlerweile gehört ihm einer der größten rumänischen Fußballclubs – Steaua Bucuresti – und er verfügt über allerlei Kontakte in die Unterwelt. Geld allein reicht selten. Was danach kommt, ist die Machtergreifung. Das muss er sich wohl gedacht haben, als er mit seiner populistischen rechtsgerichteten Partei “Die Neue Generation” für das Präsidentenamt kandidierte – erfolglos, zum Glück der rumänischen Demokratie.
Jüngst haben ihm böse Buben sein Auto geklaut. Gigi hat seine Kontakte zur dunklen Seite der Macht spielen lassen, die Diebe ausfindig gemacht und sich seinen Luxus-BMW zurück geholt. Weil er die Langfinger ein bisschen zu lange in Gewahrsam genommen hatte, wurde er unter dem Verdacht der Freiheitsberaubung festgenommen. Richtig so, mag man denken. Wäre da nicht der Umstand, dass er erst jetzt, nachdem er sich vor zwei Monaten selbst angezeigt hatte, vor Gericht geholt, viel mehr gebeten wurde.
Nun redet man in den Medien vom Aufstieg und Fall des großen Becali. Ich frage mich, wo der Fall bleibt. Gigi, der sich massenhafte Sympathien der ländlichen Bevölkerung durch den Bau und die Renovierung von Kirchen und anderen Einrichtungen zu Eigen machte, hatte die Story-Gier der Medien geschickt ausgenutzt, um seine Omnipräsenz erneut unter Beweis zu stellen.
Heute, am Tag des Prozessauftaktes, zeigt Antena 3 ununterbrochen Bilder von Menschen, die sich gegen die Art und Weise der Festnahme auflehnen. Meistens ältere Leute, Mütterchen mit Kopftuch. Meine Kollegen scherzen, dass sie vermutlich eingekauft sind. Wundern würde es mich nicht, denn die Demonstranten machen auf mich nicht Eindruck, als hätten sie demokratische Grundsätze internalisiert und würden auf die Straßen, weil sie davon überzeugt wären, dass es ihr gutes Recht ist.
Verhaftet wurde der Immobillien-Magnat, der eine goldene lebensgroße Jesus-Ikone im Vorgaten seiner Villa zu stehen hat, übrigens in Bademantel und Hausschuhen. Vielleicht haben sich die Behörden mit ihm verabredet: “Passt es dir, wenn wir dich Montag festnehmen? So gegen 10?” - “Ja, klingt gut. Ich sag den Leuten vom Fernsehen bescheid. Das wird sicher die Breaking News des Tages."

Streunende Hunde

Montag Abend auf der Calea Victoriei, gegenüber des Bukarester Athäums, im Herzen der Stadt. Ich verabschiede mich von meiner Verabredung und mache mich auf den zwanzig minütigen Heimweg durch ein nächtliches Bukarest, welches mit dem am Tag kaum etwas gemein hat. Um diese Uhrzeit ist es ruhig, sind die Parkplätze leer und fahren Autos nur vereinzelt die Straßen entlang, keine Menschenseele in Sicht. Nur streunende Hunde.

Einer von ihnen wird mich nach Hause begleiten. Er ist abgemagert, seine Rippen zeichnen sich unter dem hellbraunen Fell ab. Obwohl diese Hunde in den meisten Fällen harmlos sind, bin ich etwas skeptisch. Ich will, dass er geht. Mit irgendjemand anders mit. Nach ein paar Minuten erwische ich mich, wie ich ihm zu sage: „Geh nach Hause!“ Er schaut mich fragend an und läuft weiter vor mir her.

Hunde wie er gehören zum Stadtbild wie die wirre Architektur. Sie sind das charakteristischste Merkmal dieser Stadt und die letzten Zeugen der Ceausescu-Diktatur: Seiner “Systematisierung” der Bukarester Wohnlandschaft fielen etwa 100 Tausend Menschen zum Opfer. Die historischen Gebäude mussten den „effizienteren“ Wohnblocks weichen. Gut ein Fünftel der Stadt hat der „Conducator“ für die Erbauung seines Palastes (heute Casa Poporolui – “Haus das Volkes) geopfert. Zusammen mit den Menschen verloren auch die Hunde ihr zu Hause. Da man nicht wusste, wie man mit diesem Problem umgehen sollte, ging man es lange Zeit nicht an. Und so wurden die Hunde die Herren der Straßen.

Mein neuer Freund sieht nicht so aus, als wolle er von mir weichen. Ein paar mal zieht ihn irgendetwas in einen schmuddeligen Hinterhof. Er sieht nach. Ich verabschiede mich im Stillen und finde ihn drei Minuten später wieder an meiner Seite. Ich beginne mit ihm zu spielen und merke, dass er mir ein bisschen ans Herz wächst, dieser einsame, viel zu dünne, braune Wolf. Ich bleibe stehen, um zu sehen, was er tut. Er tut es mir gleich, schaut mich fragend an: „Was ist denn? Komm schon.“ Ich folge ihm, denn offenbar weiß er, wohin ich gehen will.

Nicht alle sind so wie er. Im Jahr 2005 wurden etwa sieben Tausend Bukarester wegen Hundebiss behandelt. Ein Jahr später hat ein wilder Hund den Präsidenten der japanisch-rumänischen Freundschaftsgesellschaft gebissen, als dieser die Piata Romana entlang lief. Der Hund hat eine Arterie erwischt, der Mann ist verblutet.

Fünf Jahr zuvor hatten die Bukarester Behörden unter Anleitung des heutigen Präsidenten und damaligen Bürgermeisters Traian Basescu die Hunde zu Freiwild erklärt. Sie wurden gefangen und getötet. Nach Protestaktionen der Bevölkerung nahm man davon Abstand und führte ein Sterilisierungsprogramm ein. Genaue
Zahlen, darüber wie viele Hunde in den Straßen von Bukarest leben, gibt es noch immer nicht. 30, 40 Tausend?

Mein Hund wurde von den Behörden noch nicht erfasst. Er hat keinen gelben Pin im Ohr. Er sieht so aus, als wüsste er sich gut zu helfen, wenn ihm Gefahr droht. Kennt die Stadt, ihre Straßen und Schlupflöcher.
Zielstrebig läuft er vor mir her, bis zur Kreuzung. Hat gelernt, dass man an der Straße stehen bleibt, um zu sehen, ob sie frei ist. Grünes Licht, er dreht sich um, als wolle er sagen: „Ist ok, kannst rübergehen.“

Auf der anderen Straßenseite wohne ich. Ich will ihn nicht wegscheuchen müssen und hoffe, dass er von alleine geht. An meinem Wohnblock angekommen, stecke ich den Schlüssel ins Schloss. „Geh nach Hause!“ sage ich reflexartig. Es ist kalt draußen. Ich würde ihm gern etwas zu essen geben und ein Dach über dem Kopf, ihn adoptieren. Ich drehe den Schlüssel um. Als ich die Hand hebe, um ihn wegzuscheuchen, erschrickt er. Hunde wie er werden hier oft getreten. Ich gehe ins Haus. Er muss draußen bleiben… und tut mir leid. Von drinnen beobachte ich ihn eine kleine Weile. Mit traurigen Augen
sieht mich an. Ich gehe weiter, drehe mich noch einmal um. Er steht noch immer da. So als wüsste er nicht, wohin er jetzt gehen sollte.

Einige Minuten später stehe ich auf meinem Balkon, blicke hinunter. Kein Hund in Sicht. Das beruhigt mich. Dann, nach kurzer Zeit, sehe ich, wie ein abgemagerter, brauner Hund über die Straßen irrt. Ziellos, als wüsste er nicht, was nun. Wieder kein Glück gehabt. Von links nach rechts, von rechts nach links. Dann zurück, wo er hergekommen ist, bevor er mich nach Hause gebracht hat. Vielleicht nimmt ihn jemand anders mit…

Montag, 30. März 2009

Der Drachen hat die Sonne entführt...


Eine Tradition beginnt meist mit einer Legende. Eine rumänische Tradition, an der ich während meines Aufenthalts hier teilnehmen durfte, ist die der Martisor (gesprochen Marzischor). Das Wort leitet sich von dem rumänischen Wort für März ab und lässt sich folglich als „Märzchen“ übersetzen.

Am 1. März erhalten die Frauen hier ein kleines Schmuckstück, das mit einem rot-weißen Schnürchen versehen ist. (Diese rechts auf dem Bild hat eine Bekannte von mir angefertigt. Roxana studiert eigentlich Architektur. Ich finde, sie sollte Kunst machen: www.radegalusca.blogspot.com) Mit den Märzchen wird die Rückkehr des Frühlings gefeiert und man wird in der ersten Märzwoche kaum eine Frau finden, die kein Märzchen an der Brust trägt. Es ranken sich viele Legenden um die Entstehung der Tradition. Eine, die meiner Kollegin Ana das Herz erweicht hat, geht so:

Eines Tages sei die Sonne in Gestalt eines Jünglings auf die Erde gekommen, um an einem Dorffest teilzunehmen. Ein böser Drachen habe den Jüngling entführt, eingekerkert und so der gesamten Natur großen Schaden zugefügt. Die Flüsse seien nun nicht mehr geflossen, die Vögel verstummt und die Kinder hätten aufgehört zu lachen.

Niemand habe gewusst, was zu tun sei, bis ein junger, starker Mann voll der Kraft aller Menschen ausgezogen sei, mit dem Drachen zu kämpfen und die Sonne zu befreien. Die Reise des Tapferen habe drei Jahreszeiten gedauert: Sommer, Herbst und Winter. Am Ende des Winters sei er zum Schloss des Drachen gelangt, habe gekämpft und das Ungeheuer schließlich besiegt. Doch schwer verwundet sei es ihm nur gerade so gelungen, die Sonne aus dem Kerker zu befreien, bevor er selbst starb.

Tropfen seines Blutes seien auf den Schnee gefallen, die befreite Sonne aber jetzt zum Himmel empor gestiegen und habe den Frühling angekündigt, was viel Freude in die Herzen aller Erdenmenschen brachte. Seither, flechten die Jungen zwei Schnüre, eine rote und eine weiße und schenken sie den Mädchen, die sie lieben und den Frauen, denen sie nahe stehen. Rot steht für die Liebe zu allem Schönen und erinnert an das Blut des Drachentöters. Weiß steht für Gesundheit, für die Reinheit des Schneeglöckchens und erinnert an den Schnee, der zu Beginn des Frühlings stellenweise noch die Erde bedeckt.

Das ist nur eine von vielen Legenden. Ich habe auch gehört, dass es ursprünglich Frauen waren, die die rot-weißen Bänder flechten, um sie an die Männer zu verteilen. Die Martisor-Tradition gibt es übrigens auch in Bulgarien. Dort behauptet man, es gebe sie nur dort. In Rumänien hat man allerdings auch keine Ahnung, dass das Nachbarland einen ähnlichen Frühlingsbrauch pflegt... oder man ignoriert es.

Die Märzchen-„Feierlichkeiten“ dauern etwa ein bis anderthalb Wochen an. Das bedeutet von Ende Februar bis zum 8. März säumen Holzstände die Straßenränder Bukarests und anderer Städte. Händler verkaufen Schmuck und Nippes in rot – weiß. Interessanter und vor allem schöner, weil in der Regel selbst gemacht, sind jedoch die Ohrringe, Ketten und Magnete auf den eigens dafür organisierten Märzchen-Messen. Vor allem junge, künstlerisch sehr begabte Leute verkaufen hier ihren handgemachten Schmuck.


Eine Tradition kommt selten allein: Man hat mir mehrfach versprochen, dass der Frühling hier pünktlich zum ersten März eintritt. Und damit er sich auch willkommen fühlt, müsse auch ich ein Märzchen tragen. Ich wollte nichts riskieren und kam dem Brauch nach. Dann erzählte man mir, dass die ersten sechs, acht, vielleicht auch elf Tage des Monats März die Tage der alten Weiber seien. Diese würden in dieser Zeit ihre Launen ausleben. Mal Sonne, mal Regen. Ich müsse mir einen Tag auswählen und je nachdem, wie das Wetter sei, so würde mein Jahr werden. Heiter, bewölkt, durchwachsen. Natürlich darf dabei nicht geschummelt werden. Den Wetterbericht vorher anzuschauen, wirkt sich vermutlich negativ auf mein Jahresglück aus.

Ich habe kein Wetterbericht geschaut, mich aber relativ spontan für einen Tag entschieden. Vormittags war es sonnig heiter, nachmittags bewölkt mit Niederschlag. Ein ganz normales Jahr also.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Limba romana

Ich spreche kein Spanisch. In meiner Eigenschaft als einzige Deutsche in einem spanischen Freundeskreis hier in Bukarest ist mir das schon des Öfteren zum Verhängnis geworden. Wenn ich dann beim sonntäglichen Nachmittagskaffee mit drei Spaniern geistesabwesend die Tischdekoration und den Wandschmuck anstarre, passiert es schon mal, dass einer meiner Begleiter sagt: „You really should learn Spanish.“ Diesen Satz habe ich mittlerweile schon so oft gehört, dass ich darauf nur mit einem kurzen „hm hm“ reagiere. Widerstand zwecklos. Als ich versuche, Alberto zu erklären, dass ich doch aber gerade in Rumänien bin und mich nicht etwa in der Himmelsrichtung geirrt hätte, sondern hier her wollte, weil mich das Land interessiert, seine Menschen, seine Vergangenheit, seine Kultur, ja überhaupt alles…und dass wenn ich überhaupt eine Sprache lerne, das wohl die rumänische sein wird, dann wirft er seine Hand über die Schulter und zieht die Mundwinkel nach unten: „Oh, come on, it’s useless…“ Schließlich sei SPANISCH die drittmeist gesprochene Sprache auf der Welt und nicht rumänisch. Da hat er nicht ganz unrecht, so ganz pragmatisch gesehen. Aber wer kommt schon aus pragmatischen Gründen in ein Land, in dem Polizisten mal eben 3500 Führerscheine meistbietend an den Mann bringen, in dem einmal in der Woche das warme Wasser aussetzt und in dem der Kern der Hauptstadt aussieht, als sei man noch immer mit den Nachkriegsaufräumarbeiten beschäftigt, weil beim Renovieren der Straße archäologisch wertvolle Gegenstände gefunden wurden und man nun (seit zwei Jahren) nicht weiß, ob man die Straße wieder zu teeren soll, oder nicht?!

Also lerne ich so ganz unpragmatisch eine Sprache, mit der ich ‚später nichts anfangen kann‘, weil sie in Bezug auf ihre Verwendung nicht Weltranglistendritte ist, so wie …Spanisch, zum Beispiel. Das ist kein leichtes Unterfangen. Nicht etwa, weil die Sprache besonders schwierig ist, sondern weil es vorn und hinten an Lehrmitteln fehlt. Ich erinnere mich, als ich versuchte, Rumänisch-Lehr- und Wörterbücher in Deutschland zu kaufen, und ich nicht mehr als die kleinste Ausgabe der Langenscheidt-Taschenwörterbücher aus dem Jahre 1998 und einen „Kauderwelsch“-Sprachführer fand. Das Grundgesetz der Marktwirtschaft legt eben nicht besonders viel Wert auf die Berücksichtigung extravaganter Wünsche.

Im Karpatenland, dachte ich, würde das anders sein. Fehlanzeige. Hier ist man ebenfalls nur sehr marginal auf die Tatsache eingestellt, dass es irgendwo Freaks gibt, die die Landessprache erlernen wollen. Schließlich kann ein Großteil der Rumänen fließende Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Deutsch und – ja - auch Spanisch vorweisen. Nun könnte man annehmen, dass es doch aber zumindest gute Wörterbücher geben muss, denn die Rumänen bereichern ihr Fremdsprachenvokabular sicher nicht durch übermäßigen Konsum von Buchstabensuppe. Doch auch hier Fehlanzeige. Zumindest was die deutsche Sprache betrifft und zumindest immer dann, wenn ich einen Buchladen betrete. Ich sehe: rumänisch-italienisch, norwegisch-rumänisch und SPANISCH-rumänisch. Außerdem gibt‘s allerlei Langenscheidt- und Oxfordimportprodukte: Business-Englisch, Rechts-Deutsch und Deutsch-Französisch (?). Irgendwann hatte ich genug und hab mir einfach das nächstbeste Wörterbuch Rumänisch-Deutsch/Deutsch-Rumänisch gekauft.

Seit etwa drei Wochen besuche ich einen Rumänischkurs an der Bukarester Volkshochschule. Manche sagten diese Institution sei hinter der Fassade noch immer kommunistisch. Nun, modern ist sie nicht. Der Raum, in dem ich und 5 andere Leute aus Bulgarien, der Schweiz, Frankreich und Italien unterrichtet werden, ist kaum größer als 15 Quadratmeter. Von der Tafel blättert die grüne Farbe, die Heizung quietscht, wenn man sie berührt und mitunter kommt es auch mal vor, dass der Kopierer zwei Wochen lang nicht funktioniert, weil niemand den Toner auswechselt. Mehr als dass ich tatsächlich viel von meiner Lehrerin lerne, sorgt siefür gute Unterhaltung. Brandusa heißt sie, ist nett, sehr redselig und über die Maßen schrullig. Sie ist etwa Mitte vierzig, klein und kräftig. Ihre blonden lockigen Haare steckt sie hinten mit einer neongrünen Spange hoch, so dass die kürzeren Haare vorn ihr ins Gesicht hängen. Wenn sie besonders aufgeregt von etwas erzählt – und das tut sie oft – richtet sie mit der linken Hand entweder ihre große Brille oder ihre Frisur, dies allerdings ohne ihr Haar tatsächlich zu berühren. Die Stunde läuft dann wie folgt: Sie erzählt von irgendetwas, ihr fällt auf, dass in ihrem Bericht ein Verb vorkommt und schreibt dessen Konjugation an die Tafel. Dann liest einer vor. Sie erzählt wieder etwas, zum Beispiel darüber, wie sie einmal einem Indonesier Rumänisch lehrte, der dann für sie speziell indonesisches Essen zubereitete. Noch bevor sie den ersten Satz sagen kann, bricht sie in Gelächter aus. Während sie davon erzählt, wie ihr der Indonesier panierte Hühnerknorpel servierte, atmet sie zweimal tief ein und sagt Dinge wie: „Nein. Also, das KONNTE ich einfach nicht glauben.“ Oder „ha ha, das habe ich vorher noch nie gesehen.“ Dann beschließt sie ihre kurze Anekdote mit gehoben Schultern und lässt Sätze verlauten, die sinngemäß nach „andere Länder, andere Sitten“ klingen. Manchmal wird sie auch philosophisch und besteht mit halbgeschlossenen Augen und nachdrücklichen Handbewegungen darauf, wie wichtig es doch sei, dass wir tolerant sind. Vor allem den Nachbarn gegenüber... Ihre Nachbarn seien ihr wichtig, weil ihre Familie nicht in Bukarest lebe, sagt sie.

Bei soviel Erzählbedarf bleibt eigentlich gar kein Platz für die Grammatik aber die wird beim Erlernen einer Sprache ja wohl total überschätzt. Brandusa sagt immer, wenn man eine Sprache lernen will, dann muss man reden. Vergesst den Dativ und dem Genitiv sein Tod! Schließlich ist eine Sprache erst dann lebendig, wenn sie auch benutzt wird. Ich nehme an, sie denkt, dass jeder, der einen Mund hat, auch zwangsläufig in der Lage ist, rumänisch zu sprechen. Da ist auch ein Unterrichtskonzept nicht wirklich von Nöten. Sie erzählt gern, freut sich darüber, dass sie Menschen aus aller Herren Länder unterrichten darf. Und manchmal hab ich den Eindruck sie stillt damit ihr Fernweh.

Mittlerweile ist mein Rumänisch auf dem Niveau, dass ich nicht verhungern muss, zur Post gehen und nach dem Weg fragen kann. Ich mag die Sprache sehr, ihre Melodie und ihren Klang. Das sie anderen Menschen außerhalb (und zuweilen auch innerhalb Rumäniens) egal ist, ist mir ziemlich egal!

Montag, 9. Februar 2009

Kurioses und Kriminelles aus dem Karpatenland

In der staatlichen Radio-Station zu arbeiten, hat vor allem den Vorteil, dass man an der Quelle sitzt, was Neuigkeiten anbelangt. So manches Mal kommt es vor, dass ich kopfschüttelnd mit gehobener Augenbraue die Übersetzungen der Presseschau gegenlese. Hier mal ein paar Schmankerl:


Vor etwa drei Wochen starb ein 62jähriger Mann in einem Krankenhaus in Slatina, im Süden Rumäniens. Doch er starb nicht etwa, weil er eine Operation nicht überlebt, sondern weil man ihn schlicht nicht behandelt hatte. Vier Stunden irrte der Mann durch die Notaufnahme und niemand hielt es für nötig, sich seiner anzunehmen. Der zuständige Arzt zog es vor, sich mit der Behandlung einer kleinen Wunde eins Kommunalpolitikers zu beschäftigen – eine Sache, die auch von Krankenschwester hätte erledigt werden können. Grund dafür: Wer in Rumänien sicher gehen will, dass er eine gute Behandlung bekommt, kalkuliert ein paar Hunderter extra ein, um das minimale Gehalt der Ärzte aufzustocken. Wer kein Geld hat, mit dem er schmieren kann, dessen Behandlung wird auch dürftig ausfallen, sofern sie überhaupt stattfindet. Korruption ist hierzulande nach wie vor das größte Problem. Das Gesundheitsministerium veranlasste die Entlassung aller Verantwortlichen in diesem Fall. Ob das hilft, wage ich zu bezweifeln. Es scheint mir mehr eine Reaktion um ihrer selbst Willen zu sein. Effekthascherei, nach dem Motto: Es muss schnell was getan werden, womöglich ganz laut, damit die Bevölkerung bemerkt, dass die Regierung nicht tatenlos zu sieht. Das System klagt über Schmerzen und die Regierung entschließt diese mit einem Hammerschlag zu betäuben, statt den faulen Zahn zu ziehen.


Anderes Beispiel: Zwei Wochen später redet niemand mehr über die gigantischen Risse im Gesundheitssystem, sondern über die Schwächen der Justiz und Polizei. Nachdem jemand 55 Maschinengewehre aus einem Waffenlager einer Militärbasis in der Nähe von Bukarest gestohlen hatte, wurden zahlreiche potentiell Verantwortliche aus dem Verteidigungsministerium entlassen. Was da genau passiert ist, weiß man bis heute nicht, wenn auch bereits weit über 100 Menschen verhört wurden.


Kurze Zeit später wurden in der Nähe von Brasov zwei Menschen umgebracht. Das seltsame an diesem Doppelmord ist jedoch, dass der Tatverdächtige eigentlich in einem Gefängnis eine Strafe von 15 Jahren absitzen sollte. Doch aus medizinischen Gründen gewährte man ihm vorüber gehend Gefängnisurlaub. Nachdem sein Urlaub abgelaufen war, hatte der Mann wohl einfach vergessen, wieder in den Knast zurück zu kehren. Neuesten Meldungen zu Folge, handelt es sich bei dem Moldawier aber doch nicht um den Täter. Na, Gott sei Dank! Vielleicht haben wir ja Glück und er wird nicht rückfällig. (Ich nehme, man wird nicht für 15 Jahre verknackt, weil man Bonbons geklaut hat.) Ob er bei der Durchsetzung seines Gefängnisurlaubs mit ein paar Scheinchen nachgeholfen hat, weiß man nicht.


Anfang Februar wollten drei Drogendealer, zwei Rumänen und ein Spanier, 1,2 Tonnen reines Kokain in das Land schmuggeln. Das Zeug stammte aus Latein-Amerika und hätte die drei Männer hier zu Millionären gemacht. Da sie beim Verkauf des Stoffs ja ordentlich Geld übrig hätten, wollten sie dem Zollbeamten schon im Voraus etwas von ihrem Vermögen schenken: 20 Tausend Euro. Doch da – und hier scheint die Arbeit der Antikorruptionskommission doch Wirkung zu zeigen – wurde der Beamte stutzig und veranlasste erst recht die Untersuchung des Lastwagens. Die Männer wurden festgenommen und die Drogen konfisziert. Dieser Fall wurde als einziger von den drei zitierten gelöst.


Angesichts dessen, kann man sich denken, dass Politik in Rumänien keinen Spaß macht. Innerhalb von knapp zwei Monaten wurde der Posten des Innenministers dreimal gewechselt. Der erste Innenminister Gabriel Oprea hatte das Amt kurz nach der Bildung der Regierungskoalition wegen Partei interner Differenzen niedergelegt. Abgelöst wurde er von seinem sozialdemokratischen Parteikollegen Liviu Dragnea. Der hatte aber auch nach etwa zwölf Tagen die Schnauze voll, weil ihm das Haushaltbudget für sein Ressort zu klein war. Man kann ja auch nicht unter allen Bedingungen arbeiten. Jetzt hofft das Land auf die letzte Vorstellung im Besetzungszirkus und führt den sozialdemokratischen Vizepremier Dan Nica in das Amt ein. Dieser kennt sich mit den dortigen Gepflogenheiten schon ein bisschen aus, denn er war der Lückenfüller als Oprea das Amt bereits niegergelegt und Liviu es noch nicht aufgenommen hatte. Bleibt also zu hoffen, dass sich Nica im Klaren darüber ist, worauf er sich einlässt.

Geschmackssache

Die Sonne hat uns hier in Bukarest nach einem zweitägigen Kurzaufenthalt wieder verlassen und den Regen zurück geschickt. Darüber bin ich ziemlich entsetzt, denn die zwei Tage, die sie uns mit ihrer Anwesenheit beglückte, waren die ersten seit zweieinhalb Wochen. Also fiel mein Plan, eine Foto-Tour durch Bukarest zu machen und die Stadt von ihrer besten Seite – nämlich bei blauen Himmel und warmen Sonnenlicht – festzuhalten, aus.

Stattdessen ging ich mit Ana ins Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst und hab in Schnappschüssen das festgehalten, was auf dem Weg liegt. Das Museum befindet sich im „Casa Poporului“, dem „Haus des Volkes“, dem Parlaments-Palast im südlichen Stadtzentrum. Das Haus ist einer der besten Beweise für Ceausescus gigantomanische Allmachtsphantasien: Der Palast besteht aus 1.100 Räumen, ist 270 mal 240 Meter lang und breit, 86 Meter hoch und 92 Meter tief (!). Größer ist laut dem Guiness-Buch der Rekorde nur noch das Pentagon in den USA. Bei diesen Ausmaßen bietet sich der Gebäudekomplex als multifunkionaler Ort serh gut an. Er ist Sitz des Parlaments und berherbergt einige Museen. Angesichts seiner riesigen Ausmaße verwundert es ein bisschen, dass der Palast nie fertig gebaut wurde. Der "Conducator", nach dem das Haus mit Ceausesc-Palace eigentlich benannt werden sollte, wenn man ihn nicht gestürzt und hingerichtet hätte, hätte zum Beispiel noch gern eine Turmuhr gehabt.

Ich verspäte mich um 15 Minuten zu unserem Treffen, weil ich nicht bedacht habe, dass ich noch einen Kilometermarsch um den Palast herum ablegen muss, um letzten Endes zum Museum zu gelangen.


Die Ausstellung, die wir uns ansehen, zeigt die Kunstwerke, die historische Ereignisse oder die Werke anderer Künstler neu interpretieren. Rumänische Künstler sind dabei leider nicht vertreten (, dafür allerdings überproportional oft ein slowakischer Künstler namens Janez Jansa.) Bereits vor einer Woche habe ich einen Versuch unternommen, mit zeitgenössischer rumänischer Kunst leibhaftig in Berührung zu kommen. Ich las von einer „Galeria Noua“ (neue Galerie), die mir sehr aufschlussreich erschien. Als wir dort ankamen, fanden wir keine kontroversen Videoinstallationen vor, sondern anstrengend versöhnliche Bilder von Blumen und Stillleben. Etwas verdutzt bewegten Raul und ich uns in den Räumen, unentschlossen darüber, ob wir gleich gehen oder doch noch ein bisschen Interesse heucheln sollen. Schließlich fragte ich die Hobbymalerin nach der Galeria Noua, die sich an diesem Ort doch eigentlich befinden sollte.

Neben ihren Bildern wiesen mich auch der rosafarbene Strickpulli und die zu einem Dutt gebundenen Haare der etwa Mitfünzigerin daraufhin, dass sie nicht zu den Menschen gehörte, die an zeitgenössischer Kunst interessiert sind. Freundlich erklärte sie mir, dass die Galeria Noua schließen musste, weil sie keinen Anklang fand. Ich wurde stutzig. „Die rumänischen Leute mögen so eine Art von Kunst nicht. Diese Video-Installationen… Leute wie Sie, Touristen, die haben sich das angeguckt. Aber Rumänen…nicht.“, erzählte sie in gebrochenem Englisch. Aha…?! Dann versuchte sie mich in ein Gespräch über deutsche Impressionisten zu verwickeln und ich wurde den Eindruck nicht los, dass sich mich in Bezug auf meinen Kunstgeschmack gern bekehren wollte. Etwas niedergeschlagen trat ich aus der Galerie und beschloss, den direkten Weg zu gehen und ein paar Künstler anzuschreiben, von denen mir einer versicherte, dass die Galeria Noua beim besten Willen nicht über Mangel an Interesse klagen konnte, im Gegenteil. „The underground does exist, I’m sure you’ll find it“, schreibt er. Na, dann mal los.