Manchmal, wenn ich über Rumänien so nachdenke und versuche, mir das Land in einer möglichst kurzen Formel begreiflich zu machen, trifft es keine Phrase so gut wie diese: It’s all about pretending. Schein und Sein liegen in Rumänien oftmals weiter aus einander, als der erste Blick vermuten lässt. Damit meine ich nicht nur die zahlenmäßig hohe Präsenz von teuren Schlitten im Bukarester Verkehr. Kaum jemand fährt hier einen popligen Lada. Da wird lieber ein teurer Kredit aufgenommen, um sich einen schnittigen Mittelklassewagen zu kaufen.
Nein, der Teufel des Scheins steckt auch in anderen Details. Zum Beispiel in der kindersicheren Steckdose in einem Hostel in Iasi, die fast aus der Wand fällt oder in den „Rauchen verboten“-Schildern, die dort an jeder Wand hängen und unter denen ein blecherner Aschenbecher steht. Oder aber die Selbstreinigungsapparate in Restauranttoiletten, deren Reinigungsmittel stets verbraucht ist und selten bis nie nachgefüllt wird. Einer meiner größten Favoriten bleibt aber noch immer das gläserne Bürogebäude zwischen Piata Universitatii und Piata Unirii, im Stadtzentrum. Die Front ist reich bestückt mit gigantomanischen digitalen Werbetafeln, die alle zehn Sekunden ihr Motiv ändern, während der Rückseite des Gebäudes selbst noch die Fassade fehlt.
Vor ein paar Wochen war ich mit meinem Mitbewohner und einem anderen Freund namens Marcel, einem Korrespondenten einer spanischen Presseagentur, in einem Lokal essen. „Es wird dir gefallen“, hat Marcel versprochen, „weil es typisch rumänisch ist.“ Wir fahren ans andere Ende der Stadt, außerhalb des Zentrums. Touristen dürften sich hier hin nur schwer verlaufen. Das Restaurant trägt den Namen eines der beiden großen Bukarester Fussball-Clubs „Rapid“, weil es neben dem Stadion liegt. Die Gegend hier besteht hauptsächlich aus kastenförmigen Wohnblöcken der Ceaucescu-Ära und hat mit den dekadenten Gebäuden der Innenstadt nur wenig gemein. Das Lokal liegt im dritten Stock eines Multifunktionsgebäude: Parterre Blumenladen, zweiter Stock Bekleidungsgeschäft, dritter Stock Restaurant. Es ist Sonntagabend, acht Uhr. Außer uns befinden sich hier noch zwei weitere Gäste. Die Einrichtung ist rustikal: Holztäfelung an den Wänden, hier und da ein bisschen volkstümlicher Wandschmuck und im Blickfeld aller Tische ein überdimensionierter Flachbildfernseher. Ich kann mich den gesamten Abend lang auf kein Gespräch mit meinen Begleitern konzentrieren, weil ich ständig auf die 100 mal 500 Meter Bildfläche schauen muss, auch wenn mich das Geflimmer überhaupt nicht interessiert. Wenig später gesellen sich zu uns und den anderen beiden Gästen vier starke Jungs, die offenbar zu den hiesigen Stammgästen gehören. Ich hatte nach einem kurzen Augenblick der Beobachtung den Eindruck, sie würden nur des Fernsehers wegen gerade im „Rapid“ ihr Bier trinken und nirgendwo anders.
Die Bedienung ist zuvorkommend, reicht uns freundlich die Speisekarte und räumt die vorgedeckten Teller und Weingläser ab, um unseren Biergläsern und Tellern mit Salmale (Krautwickel) und Tochitura (sowas wie Gulasch) Platz zu schaffen. Das Essen ist traditionell rumänisch und tatsächlich sehr köstlich. Als wir fertig sind, spurtet ein Kellner heran, um mit einem kleinen, schrecklich lauten Handstaubsauger die Brotkrümel von der Tischdecke zu entfernen. Ich bin leicht irritiert, weil ich noch immer auf den großen Fernseher starre. Als ich auf den Tisch schaue, sind die Krümel zwar weg, doch offenbaren sich jetzt ein paar kleine Löcher in der Tischdecke. Vermutlich hab ich sie vorher nicht bemerkt, weil die unbenutzten Weingläser darauf standen.
Marcel ist bekennender Rumänien-Fan und geriet vor allem bei dem Gedanken an die Live-Band des „Rapid“ in Verzückung. Diese kommt in Viererbesetzung mit etwa einer Stunde Verspätung an: Der dickere halbglatzige Akkordeonspieler macht nicht den Eindruck, als sei er sonderlich erfreut über seine Tätigkeit. Er setzt sich routiniert gelangweilt auf einen der alten Holzstühle, nippt an seinem Bier und stimmt sein Instrument mit schläfrigem Blick. Der Rest der Band sitzt hinter ihm, die Köpfe unbeteiligt in den Händen haltend, so als hätten sie beim besten Willen etwas besseres zu tun, als in diesem Möchtegern Dreisterne-Restaurant alte rumänische Schlager zum Besten zu bringen. Vermutlich bereuen sie es, dass sie mit dem Rücken zum Fernseher sitzen. Ich bin in diesem Augenblick geringfügig reizüberflutet, weil ich mir nicht sicher bin, welche der beiden Unterhaltungsformen größere Aufmerksamkeit verlangt: der LCD-Superriesenplasmabildschirm oder die hochamüsante Spaßkapelle.
Da wir uns für kein Entertainment entscheiden können, beschließen wir den Heimweg anzutreten. Im zweiten Stock steht ein Schuhputzapparat, riesengroß, mit Pflegecreme für braunes und schwarzes Leder. Als ich ihn spaßeshalber benutzen will, stelle ich fest, dass er kaputt ist. Und das vermutlich schon länger...

