Montag, 6. April 2009

Streunende Hunde

Montag Abend auf der Calea Victoriei, gegenüber des Bukarester Athäums, im Herzen der Stadt. Ich verabschiede mich von meiner Verabredung und mache mich auf den zwanzig minütigen Heimweg durch ein nächtliches Bukarest, welches mit dem am Tag kaum etwas gemein hat. Um diese Uhrzeit ist es ruhig, sind die Parkplätze leer und fahren Autos nur vereinzelt die Straßen entlang, keine Menschenseele in Sicht. Nur streunende Hunde.

Einer von ihnen wird mich nach Hause begleiten. Er ist abgemagert, seine Rippen zeichnen sich unter dem hellbraunen Fell ab. Obwohl diese Hunde in den meisten Fällen harmlos sind, bin ich etwas skeptisch. Ich will, dass er geht. Mit irgendjemand anders mit. Nach ein paar Minuten erwische ich mich, wie ich ihm zu sage: „Geh nach Hause!“ Er schaut mich fragend an und läuft weiter vor mir her.

Hunde wie er gehören zum Stadtbild wie die wirre Architektur. Sie sind das charakteristischste Merkmal dieser Stadt und die letzten Zeugen der Ceausescu-Diktatur: Seiner “Systematisierung” der Bukarester Wohnlandschaft fielen etwa 100 Tausend Menschen zum Opfer. Die historischen Gebäude mussten den „effizienteren“ Wohnblocks weichen. Gut ein Fünftel der Stadt hat der „Conducator“ für die Erbauung seines Palastes (heute Casa Poporolui – “Haus das Volkes) geopfert. Zusammen mit den Menschen verloren auch die Hunde ihr zu Hause. Da man nicht wusste, wie man mit diesem Problem umgehen sollte, ging man es lange Zeit nicht an. Und so wurden die Hunde die Herren der Straßen.

Mein neuer Freund sieht nicht so aus, als wolle er von mir weichen. Ein paar mal zieht ihn irgendetwas in einen schmuddeligen Hinterhof. Er sieht nach. Ich verabschiede mich im Stillen und finde ihn drei Minuten später wieder an meiner Seite. Ich beginne mit ihm zu spielen und merke, dass er mir ein bisschen ans Herz wächst, dieser einsame, viel zu dünne, braune Wolf. Ich bleibe stehen, um zu sehen, was er tut. Er tut es mir gleich, schaut mich fragend an: „Was ist denn? Komm schon.“ Ich folge ihm, denn offenbar weiß er, wohin ich gehen will.

Nicht alle sind so wie er. Im Jahr 2005 wurden etwa sieben Tausend Bukarester wegen Hundebiss behandelt. Ein Jahr später hat ein wilder Hund den Präsidenten der japanisch-rumänischen Freundschaftsgesellschaft gebissen, als dieser die Piata Romana entlang lief. Der Hund hat eine Arterie erwischt, der Mann ist verblutet.

Fünf Jahr zuvor hatten die Bukarester Behörden unter Anleitung des heutigen Präsidenten und damaligen Bürgermeisters Traian Basescu die Hunde zu Freiwild erklärt. Sie wurden gefangen und getötet. Nach Protestaktionen der Bevölkerung nahm man davon Abstand und führte ein Sterilisierungsprogramm ein. Genaue
Zahlen, darüber wie viele Hunde in den Straßen von Bukarest leben, gibt es noch immer nicht. 30, 40 Tausend?

Mein Hund wurde von den Behörden noch nicht erfasst. Er hat keinen gelben Pin im Ohr. Er sieht so aus, als wüsste er sich gut zu helfen, wenn ihm Gefahr droht. Kennt die Stadt, ihre Straßen und Schlupflöcher.
Zielstrebig läuft er vor mir her, bis zur Kreuzung. Hat gelernt, dass man an der Straße stehen bleibt, um zu sehen, ob sie frei ist. Grünes Licht, er dreht sich um, als wolle er sagen: „Ist ok, kannst rübergehen.“

Auf der anderen Straßenseite wohne ich. Ich will ihn nicht wegscheuchen müssen und hoffe, dass er von alleine geht. An meinem Wohnblock angekommen, stecke ich den Schlüssel ins Schloss. „Geh nach Hause!“ sage ich reflexartig. Es ist kalt draußen. Ich würde ihm gern etwas zu essen geben und ein Dach über dem Kopf, ihn adoptieren. Ich drehe den Schlüssel um. Als ich die Hand hebe, um ihn wegzuscheuchen, erschrickt er. Hunde wie er werden hier oft getreten. Ich gehe ins Haus. Er muss draußen bleiben… und tut mir leid. Von drinnen beobachte ich ihn eine kleine Weile. Mit traurigen Augen
sieht mich an. Ich gehe weiter, drehe mich noch einmal um. Er steht noch immer da. So als wüsste er nicht, wohin er jetzt gehen sollte.

Einige Minuten später stehe ich auf meinem Balkon, blicke hinunter. Kein Hund in Sicht. Das beruhigt mich. Dann, nach kurzer Zeit, sehe ich, wie ein abgemagerter, brauner Hund über die Straßen irrt. Ziellos, als wüsste er nicht, was nun. Wieder kein Glück gehabt. Von links nach rechts, von rechts nach links. Dann zurück, wo er hergekommen ist, bevor er mich nach Hause gebracht hat. Vielleicht nimmt ihn jemand anders mit…

1 Kommentar:

  1. :-( Kenn ich das Gefühl, wenngleich nicht bei einer Auswahl von 30-40.000. Und ernsthaft ... was war denn das wür eine Verabredung, die dich nicht mal nach Hause bringt. Oder bist du geflohen? Dann hättst du ihm ja deinen neuen Freund auf den Hals hetzen können .... Höhöhö.

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