In Bukarest, so scheint’s mir, folgt der Verkehr seiner eigenen Logik. Es gibt hier gefühlte zwei Milliarden Tonnen Blech auf vier Rädern in unterschiedlichen Formen und Farben. Und während man in Berlin keine benzinbetriebenen Schmutzfinken mit einem überhöhten Schadstoffausstoß mehr in die Innenstadt lässt, stehen in der rumänischen Hauptstadt die Abgase in der Luft.
Wer in Bukarest als Fußgänger zu Stoßzeiten die Hauptstraßen überqueren will, braucht entweder Mut oder eine gehörige Portion Dickfelligkeit und das nötige Vertrauen in seine Mitmenschen hinterm Steuer: Einfach gerade aus schauen und gehen. Die halten schon an. ABER: Grün heißt nicht zwangsläufig gehen. Im Zweifelsfall hat das Blech den Vorrang.
Ich frage mich, ob man das simple Straßenüberqueren zu einer Art sportlicher Disziplin erheben könnte. Geeignet wäre es auch für Flashmobs: 200 Tausend Menschen stolzieren über den Bulevardul Unirii, als führten sie nichts im Schilde und legen den gesamten Verkehr lahm. Dabei hielten sie Schilder hoch, mit der Aufschrift: “Für ein grünes Bukarest“. Der Aufstand der Gehenden… Vermutlich würde man sie alle in Gewahrsam nehmen, wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Bereits als man mich vom Flughafen zur Wohnung fährt, erscheint mir der Verkehr auffällig. Stop and Go, eine Fortkommen um 20 Meter am Stück ist ein Erfolgserlebnis. Wir befinden uns keine 5 Minuten auf der Straße als die Sirene einer Ambulanta lautstark ertönt. Es dauert zehn Minuten bis sie sich den Weg durch die Blechmassen geebnet hat. Da muss der, der sie gerufen hat, wohl sterben. Es ist nicht mal so, dass die Leute keinen Platz machen wollen, sie können es nicht. In Bezug auf die Zahl an fahrenden Autos in Rumäniens Hauptstadt könnte man tatsächlich von einer Überbevölkerung sprechen.
Der Ampelbetrieb wird überflüssig, weil so viele Autos vorhanden sind, dass rote Ampeln ignoriert werden müssen, um den Verkehr nicht völlig lahmzulegen. Deswegen stehen an den großen und kleineren Kreuzungen Polizisten in neon-gelber Jacke und pfeifen die Autos durch, als gelte es ein Wettrennen zu gewinnen.
Sind die Autos dann einmal zum Stillstand gekommen und in eine Parkposition gebracht, muss man als Fußgänger eine Art Parkurlauf bestreiten. Die Autos parken auf Gehwegen mit einem halben Meter Platz zur Häuserwand. Passt das Auto nicht in die vorgesehene Parklücke, so wird’s eben passend gemacht. Dann steht es quer vor den anderen. Was nun, wenn der Zugeparkte gern wegfahren möchte? Nun ja, da wird dann die Flucht nach vorn angetreten, über den Bürgersteig bis zur nächsten Absenke und mit etwas Glück kommt für zwei Sekunden kein Verkehr, so dass man auf die Straße fahren kann.
Bemerkenswert ist jedoch, dass ich hier noch keinen Unfall erlebt habe. Bukarester Autofahrer fluchen auch nicht. Sie steigen zwar an einer roten Ampel ruhig und gelassen aus, um im Kofferraum zu schauen ob noch alles da ist, oder die Scheibenwischer zu richten. Aber sie gehen nicht mit hoch roten Kopf aufeinander los und drohen dem Schleicher da vorne mit Prügel. Ihre Art der Stressbewältigung ist es, zu hupen. Krach machen, was das Zeug hält. Sobald ein Auto zum Stehen kommt, egal ob bei rot oder grün –wie gesagt, die Ampeln spielen nicht wirklich eine Rolle –beginnt ein kakophonisches Konzert, das eine echte Herausforderung für das Trommelfell darstellt.
Man kann aber beim besten Willen nicht sagen, dass die Bukarester kein Auto fahren können. Dem ist wahrlich nicht so. Geschmeidig und findig umfahren sie jedes Hindernis, während die Nähe zu demselben mir nur ein leise Zischen entlockt, was bedeutet, dass ich mich schon mal auf den Schmerz einstellen, den das Blech oder seine Insassen verspüren würden, sofern sich denn Hindernis und Auto unerwünscht näher kämen.
Fahrradwege gibt’s hier tatsächlich auch. Allerdings scheinen diese nur der Vollständigkeit halber in den Bukarester Verkehrsplan mit aufgenommen worden zu sein. Tatsächlich habe ich hier noch nie jemanden mit einem Fahrrad gesehen. Vermutlich wäre er auch schnell tot, weil er keine Hupe hat. So bleibt am Ende nur die Alternative der öffentlichen Verkehrsmittel. Hier übrigens, hält man zuweilen noch immer an einem Relikt aus alten Zeiten fest, welches am anderen Ende der europäischen Union bereits als vielversprechendes, emissionsarmes und folglich grünes Verkehrsmittel der Zukunft gefeiert wurde: Der Elektrobus.

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