Ich spreche kein Spanisch. In meiner Eigenschaft als einzige Deutsche in einem spanischen Freundeskreis hier in Bukarest ist mir das schon des Öfteren zum Verhängnis geworden. Wenn ich dann beim sonntäglichen Nachmittagskaffee mit drei Spaniern geistesabwesend die Tischdekoration und den Wandschmuck anstarre, passiert es schon mal, dass einer meiner Begleiter sagt: „You really should learn Spanish.“ Diesen Satz habe ich mittlerweile schon so oft gehört, dass ich darauf nur mit einem kurzen „hm hm“ reagiere. Widerstand zwecklos. Als ich versuche, Alberto zu erklären, dass ich doch aber gerade in Rumänien bin und mich nicht etwa in der Himmelsrichtung geirrt hätte, sondern hier her wollte, weil mich das Land interessiert, seine Menschen, seine Vergangenheit, seine Kultur, ja überhaupt alles…und dass wenn ich überhaupt eine Sprache lerne, das wohl die rumänische sein wird, dann wirft er seine Hand über die Schulter und zieht die Mundwinkel nach unten: „Oh, come on, it’s useless…“ Schließlich sei SPANISCH die drittmeist gesprochene Sprache auf der Welt und nicht rumänisch. Da hat er nicht ganz unrecht, so ganz pragmatisch gesehen. Aber wer kommt schon aus pragmatischen Gründen in ein Land, in dem Polizisten mal eben 3500 Führerscheine meistbietend an den Mann bringen, in dem einmal in der Woche das warme Wasser aussetzt und in dem der Kern der Hauptstadt aussieht, als sei man noch immer mit den Nachkriegsaufräumarbeiten beschäftigt, weil beim Renovieren der Straße archäologisch wertvolle Gegenstände gefunden wurden und man nun (seit zwei Jahren) nicht weiß, ob man die Straße wieder zu teeren soll, oder nicht?!
Also lerne ich so ganz unpragmatisch eine Sprache, mit der ich ‚später nichts anfangen kann‘, weil sie in Bezug auf ihre Verwendung nicht Weltranglistendritte ist, so wie …Spanisch, zum Beispiel. Das ist kein leichtes Unterfangen. Nicht etwa, weil die Sprache besonders schwierig ist, sondern weil es vorn und hinten an Lehrmitteln fehlt. Ich erinnere mich, als ich versuchte, Rumänisch-Lehr- und Wörterbücher in Deutschland zu kaufen, und ich nicht mehr als die kleinste Ausgabe der Langenscheidt-Taschenwörterbücher aus dem Jahre 1998 und einen „Kauderwelsch“-Sprachführer fand. Das Grundgesetz der Marktwirtschaft legt eben nicht besonders viel Wert auf die Berücksichtigung extravaganter Wünsche.
Im Karpatenland, dachte ich, würde das anders sein. Fehlanzeige. Hier ist man ebenfalls nur sehr marginal auf die Tatsache eingestellt, dass es irgendwo Freaks gibt, die die Landessprache erlernen wollen. Schließlich kann ein Großteil der Rumänen fließende Fremdsprachenkenntnisse in Englisch, Deutsch und – ja - auch Spanisch vorweisen. Nun könnte man annehmen, dass es doch aber zumindest gute Wörterbücher geben muss, denn die Rumänen bereichern ihr Fremdsprachenvokabular sicher nicht durch übermäßigen Konsum von Buchstabensuppe. Doch auch hier Fehlanzeige. Zumindest was die deutsche Sprache betrifft und zumindest immer dann, wenn ich einen Buchladen betrete. Ich sehe: rumänisch-italienisch, norwegisch-rumänisch und SPANISCH-rumänisch. Außerdem gibt‘s allerlei Langenscheidt- und Oxfordimportprodukte: Business-Englisch, Rechts-Deutsch und Deutsch-Französisch (?). Irgendwann hatte ich genug und hab mir einfach das nächstbeste Wörterbuch Rumänisch-Deutsch/Deutsch-Rumänisch gekauft.
Seit etwa drei Wochen besuche ich einen Rumänischkurs an der Bukarester Volkshochschule. Manche sagten diese Institution sei hinter der Fassade noch immer kommunistisch. Nun, modern ist sie nicht. Der Raum, in dem ich und 5 andere Leute aus Bulgarien, der Schweiz, Frankreich und Italien unterrichtet werden, ist kaum größer als 15 Quadratmeter. Von der Tafel blättert die grüne Farbe, die Heizung quietscht, wenn man sie berührt und mitunter kommt es auch mal vor, dass der Kopierer zwei Wochen lang nicht funktioniert, weil niemand den Toner auswechselt. Mehr als dass ich tatsächlich viel von meiner Lehrerin lerne, sorgt siefür gute Unterhaltung. Brandusa heißt sie, ist nett, sehr redselig und über die Maßen schrullig. Sie ist etwa Mitte vierzig, klein und kräftig. Ihre blonden lockigen Haare steckt sie hinten mit einer neongrünen Spange hoch, so dass die kürzeren Haare vorn ihr ins Gesicht hängen. Wenn sie besonders aufgeregt von etwas erzählt – und das tut sie oft – richtet sie mit der linken Hand entweder ihre große Brille oder ihre Frisur, dies allerdings ohne ihr Haar tatsächlich zu berühren. Die Stunde läuft dann wie folgt: Sie erzählt von irgendetwas, ihr fällt auf, dass in ihrem Bericht ein Verb vorkommt und schreibt dessen Konjugation an die Tafel. Dann liest einer vor. Sie erzählt wieder etwas, zum Beispiel darüber, wie sie einmal einem Indonesier Rumänisch lehrte, der dann für sie speziell indonesisches Essen zubereitete. Noch bevor sie den ersten Satz sagen kann, bricht sie in Gelächter aus. Während sie davon erzählt, wie ihr der Indonesier panierte Hühnerknorpel servierte, atmet sie zweimal tief ein und sagt Dinge wie: „Nein. Also, das KONNTE ich einfach nicht glauben.“ Oder „ha ha, das habe ich vorher noch nie gesehen.“ Dann beschließt sie ihre kurze Anekdote mit gehoben Schultern und lässt Sätze verlauten, die sinngemäß nach „andere Länder, andere Sitten“ klingen. Manchmal wird sie auch philosophisch und besteht mit halbgeschlossenen Augen und nachdrücklichen Handbewegungen darauf, wie wichtig es doch sei, dass wir tolerant sind. Vor allem den Nachbarn gegenüber... Ihre Nachbarn seien ihr wichtig, weil ihre Familie nicht in Bukarest lebe, sagt sie.
Bei soviel Erzählbedarf bleibt eigentlich gar kein Platz für die Grammatik aber die wird beim Erlernen einer Sprache ja wohl total überschätzt. Brandusa sagt immer, wenn man eine Sprache lernen will, dann muss man reden. Vergesst den Dativ und dem Genitiv sein Tod! Schließlich ist eine Sprache erst dann lebendig, wenn sie auch benutzt wird. Ich nehme an, sie denkt, dass jeder, der einen Mund hat, auch zwangsläufig in der Lage ist, rumänisch zu sprechen. Da ist auch ein Unterrichtskonzept nicht wirklich von Nöten. Sie erzählt gern, freut sich darüber, dass sie Menschen aus aller Herren Länder unterrichten darf. Und manchmal hab ich den Eindruck sie stillt damit ihr Fernweh.
Mittlerweile ist mein Rumänisch auf dem Niveau, dass ich nicht verhungern muss, zur Post gehen und nach dem Weg fragen kann. Ich mag die Sprache sehr, ihre Melodie und ihren Klang. Das sie anderen Menschen außerhalb (und zuweilen auch innerhalb Rumäniens) egal ist, ist mir ziemlich egal!

Rein zahlenmäßig gesehen, haben die Spanier natürlich recht mit der drittmeist gesprochenen Sprache. Vielleicht ist das aber auch nur Selbstrost, um über die Tatsache hinwegzukommen, dass sich viele Spanier mit dem Erlernen von Fremdsprachen so schwer tun. (Nicht alle, sicherlich, vielleicht eben nur die "typischen". :-))
AntwortenLöschenIn meinen 2 Erasmussemestern in Deutschland habe ich die meisten Spanier als die einzigen Austauschstudis erlebt, die nach einem halben Jahr keinen Brocken Deutsch gelernt hatten. Das war wohl auch der Grund, warum sie oft nur unter sich blieben, eigene Partys feierten usw.
Von der Grammatik her ist Spanisch auf jeden Fall leichter als Rumänisch, die Flexion ist zumindest nicht so unregelmäßig.
Und es stimmt, es gibt keine anständigen Rumänisch-Lehrbücher für Ausländer. Mehr dazu kannst du hier lesen.
Und dass auf der Straße fast immer anders gesprochen wird, als es im Buche steht, ist wohl ne Binsenwahrheit.
PS: Mit rund 26 Mio Sprechern ist Rumänisch in Europa vermutlich doch kein zu vernachlässigendes Idiom.
Sorin